Ronaldo! Maradona! Zidane! Es sind die Namen der Stars, die über den Fußballplatz hallen an diesem kalten Januarmorgen, kurz nach acht Uhr. Die Sonne schiebt die grauen Wolken zur Seite und gibt den Blick frei auf die Alpen. Doch das interessiert Finn gerade nicht. Er konzentriert sich auf den Ball, den er vor sich herschießt. "Und jetzt Ronaldo!", ruft ihm sein Trainer zu. Finn täuscht einen Schuss an, tänzelt kurz mit seinem rechten Fuß über dem Ball und dribbelt ihn dann mit dem linken Fuß weg.

Eine Finte nennen Fußballer das, einen Trick, mit dem sie die gegnerischen Spieler irritieren wollen. Benannt sind diese Tricks nach Spielern, die sie besonders gut beherrschen. Wenn einer der Namen dieser Fußballer über das Feld gebrüllt wird, weiß Finn, was zu tun ist. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und krempelt die Ärmel seiner Trainingsjacke hoch. Dann läuft er wieder los. Finn ist zwölf Jahre alt – noch kein Zidane oder Ronaldo, aber vielleicht irgendwann einmal. Seit eineinhalb Jahren besucht Finn das Deutsche Fußball Internat in Bad Aibling. Das Internat, eine Autostunde südlich von München, gilt als Kaderschmiede für den Fußballnachwuchs, 80 Jungen aus aller Welt trainieren hier – und träumen von einer ganz großen Fußballkarriere. Finn, sagen seine Trainer, könnte es tatsächlich schaffen. Sie loben seine spielerischen Fähigkeiten und das, was sie "Biss" nennen: den unbedingten Willen, sich nach ganz oben zu kämpfen.

32 Fußball-Eliteschulen gibt es in Deutschland, einige bieten ihren Schülern auch Schlafplätze an wie das Internat in Bad Aibling, das 2011 durch eine rein private Gründungsinitiative entstand. Vereine wie Bayern München oder Schalke 04 haben eigene Leistungszentren, in denen sie ihren Nachwuchs ausbilden. Es ist ein harter Kampf um diese wenigen Plätze. Meistens sind es die Trainer in den lokalen Vereinen, die ein vielversprechendes Talent ermutigen, sich um einen Platz in einer der Fußballschulen zu bemühen.

Finn spielt schon, seit er fünf Jahre alt ist, im Verein. "Ich hatte da immer Bock drauf", sagt er und grinst. Dass er heute am Deutschen Fußball Internat ist, war eher ein Zufall. Bei einem Fußballcamp in den Ferien fiel den Trainern seine Begabung auf. Sie luden ihn zu einem Probewochenende ins Internat ein, wie 250 andere Jungen auch. Unter ihnen allen wollten sie den Spieler des Jahres küren. Am Ende fiel die Wahl fast einstimmig auf Finn. Der Preis: ein Vollstipendium für ein Jahr am Internat. Normalerweise kostet ein Platz hier zwischen 22.800 und 27.600 Euro pro Jahr. Viel Geld, das Finns Eltern niemals hätten aufbringen können. Sein Vater verkauft Küchen in einem Möbelhaus, seine Mutter arbeitet halbtags als Putzfrau. "Wir wollten ihm dieses eine Jahr gönnen", erzählt Katja Modler, Finns Mutter. "Gleichzeitig sagten wir ihm, geh bitte davon aus, dass du danach zurückkommst." Nicht nur aus finanziellen Gründen, auch weil die Eltern genau wissen, wie hart umkämpft die Plätze in den Teams sind, schon in jungen Jahren. Es kann immer ein Besserer kommen.

Seit er von Nordrhein-Westfalen ins Internat nach Bayern gezogen ist, fast 700 Kilometer von seinen Eltern und seinen drei Geschwistern entfernt, kämpft er dafür, dass genau dies nicht passiert. Der Start im Internat fiel Finn nicht leicht. Trotz der fünf Fußballplätze, von denen einer sogar auf dem Dachboden des Internats errichtet wurde. Trotz des Fitnessstudios mit Wärmekabine. Trotz des hauseigenen Physiotherapeuten. Das Heimweh ließ sich von alldem nicht aufhalten. Jeden Abend, wenn er mit seiner Familie telefonierte, weinte Finn. Sechs Wochen lang ging das so. Nicht nur gutes Zureden der Eltern und seiner Betreuer halfen ihm darüber hinweg, auch der "vollgepumpte" Stundenplan, wie Finn ihn nennt. Mittlerweile wohnt seine Familie im selben Ort wie er. "Nur zu telefonieren war uns zu wenig", sagt Finns Mutter. Sie entschied sich mit ihrem Mann, das Haus mit Garten in Nordrhein-Westfalen zu verkaufen und Finn hinterherzuziehen. "Wir wollten endlich wieder alle zusammen sein." Die Modlers hatten Glück und fanden eine Wohnung in der Straße, in der auch Finns Internat liegt. Wieder bei seiner Familie einziehen wollte er aber nicht. Das würde ihn zu sehr ablenken, fürchtet er. Seine Eltern sieht er trotzdem jeden Tag. Sie haben den Putzdienst im Internat übernommen.

"Wollt ihr was trinken?", ruft Maik Blankenhorn, er ist einer der Trainer der Mannschaft. "Nee", antworten Finn und seine Mitspieler, sie wollen lieber weiter trainieren. Passen unter Druck, lautet die Aufgabe. In Dreierteams spielen sich die Jungen die Bälle zu. Einmal, zweimal, dreimal, zehnmal. Dann ist Zeit, durchschnaufen. Und für die Analyse. "Jungs, das reicht, wenn wir gegen Kolbermoor spielen, aber wir wollen gegen die Großen gewinnen", sagt der Trainer. "Eure Pässe müssen sauberer und fester werden." Die nächste Übung: Torschusstraining. Finn läuft an, zieht ab, der Ball segelt durch die Luft ... und knallt oben an den Pfosten. "Nein!", ruft er und greift sich mit den Händen an seinen Kopf. Als er ausatmet, bilden sich kleine Wolken, so kalt ist es. "Mach weiter, Finn!", muntert ihn sein Trainer auf. "Du hast noch viele Bälle, die du reinschießen kannst." Doch nicht mehr heute. Nach knapp 90 Minuten endet das morgendliche Training. Finn trabt die 400 Meter zurück ins Internat. Ab unter die Dusche.