Vielleicht wird er doch noch fit für das große Wiedersehen. Die sportmedizinische Behandlungskunst hat schon Gravierenderes geheilt als diese lächerliche Zerrung, Pierre-Michel Lasogga schleppt sie seit zwei Wochen mit sich herum. Der Hamburger SV braucht ihn unbedingt, denn Lasogga ist der Einzige, der da vorn im Angriff das Tor trifft. Vor allem seinen bislang neun Saisontoren verdankt das Gründungsmitglied der Fußballbundesliga die Hoffnung darauf, auch die 51. Saison in Folge ohne Abstieg zu überstehen. Und Lasogga?

Der will ohnehin immer spielen, erst recht an diesem Samstag, wenn es gegen die alten Kollegen von Hertha BSC geht. Außerdem würde er gern einmal dem Mann die Hand schütteln, dem er dieses erstaunliche Hoch im Norden verdankt. Ohne Per Ciljan Skjelbred hätte Pierre-Michel Lasogga nicht so viele Tore für den Hamburger SV geschossen. Und ohne Lasogga würde Skjelbred nicht mit so großem Erfolg das Berliner Spiel organisieren, dass der Aufsteiger Hertha BSC mit einiger Berechtigung von der Europa League träumt.

Per Ciljan Skjelbred, 26, und Pierre-Michel Lasogga, 22, stehen für einen Verlegenheitshandel, aus dem eines der besten Tauschgeschäfte der Bundesligageschichte wurde. Beide sind sie vor einem halben Jahr als Verlierer gekommen. Als Ersatzspieler ohne Perspektive, für die irgendwie noch eine Verwendung gefunden werden musste. Also ging Lasogga Ende August nach Hamburg und Skjelbred nach Berlin. Ein halbes Jahr später stehen beide als Gewinner da. Als Profiteure einer Krise des jeweils anderen. "Manchmal braucht ein Spieler einfach mal eine Luftveränderung", sagt der Hamburger Manager Oliver Kreuzer.

Per Ciljan Skjelbred ist in Norwegen mal als Jahrhunderttalent gefeiert worden. Als Gewinner eines Castings darf er beim FC Liverpool vorspielen und mag nur nicht dort bleiben, weil er sich noch zu jung fühlt. Mit 16 gibt er sein Debüt in der Ersten Liga und mit 18 in der Champions League, mit 21 geht er nach Hamburg. Die sportlichen Ansprüche dort sind hoch und die finanziellen Möglichkeiten eher gering. Drei Wochen nach Skjelbreds erstem Spiel stürzt der HSV auf den letzten Platz. Trainer Michael Oenning muss gehen, und sein Nachfolger Thorsten Fink hält nicht viel von Skjelbred. Es beginnen lange Monate auf der Ersatzbank.

In Berlin ist die Sache ein bisschen anders. Hertha BSC ist gerade in die Bundesliga aufgestiegen, auch und gerade wegen Pierre-Michel Lasogga. Der Trainer Markus Babbel hat ihn noch in der Zweiten Liga aus der A-Jugend von Bayer Leverkusen zu Hertha geholt, und weil er es mit der sportgerechten Ernährung nicht so genau nimmt, bekommt er den Spitznamen "Lasagne". Lasogga speckt ab und macht genau das, was ein Stürmer machen muss: Er schießt Tore. So viele wie kein anderer bei Hertha, und am Ende steht der Aufstieg in die Bundesliga. Pierre-Michel Lasogga ist ein Mittelstürmer alter Prägung, ein Genre, von dem immer wieder behauptet wird, es sei dem Aussterben geweiht. Einer, der den Ball aus jeder Position aufs Tor jagt. Einer wie die früheren Hamburger Idole Uwe Seeler und Horst Hrubesch.