An der Reaktion auf die Gauck-Rede, die mit nachdenklichen Worten die Ohne-mich-Reflexe der deutschen Außenpolitik sezierte, fällt ein berühmtes Sherlock-Holmes-Problem auf. Das ist der "Hund, der in der Nacht nicht gebellt hat". Nächtens anzuschlagen sei schließlich das Wesen des Hundes. Doch das Gebell ist ausgeblieben. Laut knurrte nur CSU-Vize Peter Gauweiler. Der Präsident bestimme nicht die Richtlinien der Politik, und wir wollten "uns doch nicht in einen neuen Krieg hineinreden lassen". (Merke: Der Präsident möge nur dann "politisch" werden, wenn er unsere Meinung vertritt.)

Die Zurückhaltung der kommentierenden Klasse ist erstaunlich, jedenfalls gemessen an früheren Zeiten, als der deutsche Michel millionenfach auf die Straße ging, um gegen Wiederbewaffnung, Nato-Beitritt, Nachrüstung und jeglichen Krieg zu protestieren sowie den Pazifismus als höchste Form der politischen Moral zu zelebrieren. Insofern ist Gaucks Rede eine historische, rüttelt sie doch mit fein ausgewogenen, aber dennoch dezidierten Worten an den alten Selbstgewissheiten der Nation.

Das Land solle seinen Platz nicht "am Rande", sondern "in der Mitte" einer brüchigen Weltordnung suchen, seine Sicherheit nicht bei anderen leihen, sondern die "eigenen Fähigkeiten zur Gefahrenabwehr verbessern". Aus "Zurückhaltung", ja "Wegsehen" könne "Selbstprivilegierung" entstehen. Hinter der "historischen Schuld" möge man nicht "Weltabgewandtheit oder Bequemlichkeit verstecken". Auch "Alleingänge" ins Nichtstun "haben ihren Preis". Den Moralisten hielt er entgegen: "Auch wer nicht handelt, übernimmt Verantwortung." Etwas schärfer (nicht seine Worte): Wer nicht handelt, verweigert Verantwortung. Daraus folge: "Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein." Wiewohl: "›Mehr Verantwortung‹ bedeutet nicht ›mehr Kraftmeierei‹."

Die Kadenzen sind ausbalanciert – und vereinen sich dennoch zum Motiv. Gaucks Rede erinnert an einen Spruch, der dem Maler-Essayisten Francis Picabia zugeschrieben wird: "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann." Oder an John Maynard Keynes: "Wenn die Fakten sich ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?"

Die Fakten haben sich geändert. Niemand unterstellt mehr teutonischen Imperialismus; dieses Etikett ist der Klage über den deutschen Trittbrettfahrer gewichen. Es dräuen nicht mehr sowjetische Panzerarmeen, sondern unzählige globale Bedrohungen: vom Terror über zerfallende Staaten und überschwappende Bürgerkriege bis zum Cyberangriff – Herausforderungen, auf die kein ehrlicher "Dr. strat." eine Antwort weiß. Hamlet würde heute fragen: "Rein oder nicht rein?"

Und doch hat Gauck das neue Terrain der deutschen Außenpolitik richtig vermessen. Seine Rede ist nicht nur historisch, sondern "pädagogisch wertvoll", weil sie von höchster Stelle die nachkriegsdeutsche Zivilreligion auf ihren Realitätsgehalt abklopft. Die Kärrnerarbeit aber liegt noch vor ihm, wenn er betont, die Außen- und Sicherheitspolitik dürfe in der Demokratie "nicht nur Sache der Eliten" sein. Die Eliten haben kaum gebellt, doch vox populi grollt vernehmlich: Laut ZDF-Politbarometer wollen fast zwei Drittel keine weiteren Militäreinsätze. Und leise, leise schrumpft das "Elite-Projekt" namens "Verteidigungshaushalt".