Nichts wie raus aus den Währungen der Schwellenländer, so scheint die Parole bei Anlegern derzeit zu heißen. Sie hat zu einem nahezu panischen Ausverkauf geführt. Am schlimmsten erwischte es Argentinien. Innerhalb von nur einer Woche brach der Peso gegenüber dem Euro um knapp 15 Prozent an Wert ein. Auch die türkische Lira verlor rund sieben Prozent, der südafrikanische Rand fiel um immerhin noch drei Prozent.

Auch die Aktienmärkte dieser Länder haben turbulente Zeiten hinter sich. Im ersten Halbjahr 2013 war der MSCI Emerging Markets Index, der alle wichtigen Aktienkurse der Schwellenländer zusammenfasst, um rund 15 Prozent zurückgegangen. Dann drehte der Trend, die Kurse stiegen auf ein neues Hoch, bevor sie wieder abstürzten. "Erst runter, dann wieder hoch, jetzt wieder runter; das ist für einen Privatanleger sicher erschreckend", sagt Alex Homan, Aktienstratege für Schwellenländeraktien beim Vermögensverwalter Fidelity Worldwide Investment.

Jahrelang waren die aufstrebenden Länder, deren Wirtschaft doch angeblich immer weiter wachsen würde, eine Erfolgsstory für Investoren. Die Aktienkurse stiegen und stiegen. Viele Anleger waren froh, eine Alternative zu deutschen Lebensversicherungen oder Anleihen gefunden zu haben, die seit Jahren nur noch mickrige Zinsen abwerfen – nur um jetzt verunsichert innezuhalten: Stürzen die Schwellenländer immer weiter ab? Oder ist der aktuelle Einbruch eine Gelegenheit – und Anleger sollten jetzt einsteigen?

Klar ist: Auf ganz lange Sicht haben die aufstrebenden Länder die besseren Wachstumsaussichten. Doch die Verlierer in turbulenten Zeiten sind in der Regel die Privatanleger. Jetzt einzusteigen ist also hochriskant.

"Zumindest in Indien, Indonesien, Brasilien, Südafrika und der Türkei ist eine krisenhafte Entwicklung denkbar", sagt Volkswirt Joachim Fels von der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. "Sie alle haben hohe Leistungsbilanzdefizite und viel ausländisches Kapital an ihren Anleihenmärkten." Übersetzt heißt das: Diese Länder sind besonders abhängig davon, dass ausländische Anleger bei ihnen investieren.Und genau das ist das Problem. Weil die Währungen fallen, ziehen Investoren Geld ab. Das wiederum dämpft das Wirtschaftswachstum, und Investitionen rechnen sich nicht mehr. Die Folge: Noch mehr Anleger fliehen. Es ist eine Abwärtsspirale, die sich auch für Industrieländer zu einem Problem entwickeln kann. Vor allem das Exportland Deutschland würde darunter leiden, wenn ihm wichtige Abnehmer in Asien, Lateinamerika und Afrika plötzlich viel weniger Waren abkauften. Und auch die Probleme Griechenlands werden deutlich schwerer zu lösen sein, wenn der große Nachbar Türkei währungsbedingt viel günstiger produziert oder Urlaube anbietet.

Das große Geld werden die Schwellenländer nicht mehr so leicht anlocken können. Die amerikanische Zentralbank Fed macht Ernst mit der Wende in ihrer Geldpolitik. Lange Zeit hatte sie jeden Monat Wertpapiere im Wert von 85 Milliarden US-Dollar gekauft, um die Wirtschaft mit Geld zu versorgen und die Zinsen künstlich niedrig zu halten. Die Anleger, übrigens auch die deutschen, die etwas mehr als nur einen mageren Ausgleich der Inflation erwirtschaften wollten, fanden in den Schwellenländern eine ertragreichere Investitionsmöglichkeit. Doch seit Kurzem steigt die Fed schrittweise aus ihrem Programm aus – amerikanische Anleihen dürften daher auf absehbare Zeit wieder mehr Rendite bringen.

Die türkische Zentralbank hat vergangene Woche drastisch reagiert. In einer Krisensitzung beschloss sie, ihre Leitzinsen von 4,5 auf 10 Prozent anzuheben, um den Kapitalabfluss abzubremsen. Der Verfall der Lira wurde damit im ersten Moment gestoppt, aber die Sache hat einen Haken: Hohe Zinsen dämpfen das Wachstum. "Der Boom ist schon seit einiger Zeit vorüber. Nur die Anleger bemerken das oft erst mit Verzögerung", sagt Fels.

Politisch stehen viele Schwellenländer an einem Wendepunkt. Das schnelle Wachstum der vergangenen Jahre hat breite Bevölkerungsgruppen nicht erreicht. In Brasilien gingen im Sommer Zigtausende auf die Straße, um mehr Teilhabe am Aufschwung einzufordern. In Thailand kämpfen privilegierte Städter und Landbevölkerung gegeneinander um die Macht, eine Eskalation ist jederzeit möglich. In Ägypten und anderen arabischen Staaten wird um die Bedeutung des Islams im Staat gerungen. Und der grausame Bürgerkrieg in Syrien, der die ganze Region destabilisiert, ist nicht zu stoppen. "Ausgerechnet in den fünf Defizitländern wird in den nächsten zwölf Monaten auch noch eine neue Regierung gewählt. Das bringt zusätzliche Unsicherheiten", sagt Volkswirt Fels.