Lopadusa, Lapadusa, Lopedosa, Lipadusa, Lipidusa, Lampadosa, Lampidosa, Lanbedusa, Lopadosa, Lampedusa. Doch so viele Varianten der Name auch besitzt: Die Historiker sind zu keinem Schluss gekommen, welche Bedeutung er eigentlich hat. Vielleicht steckt das Wort Lampe drin? Denn diese weit draußen im Meer gelegene Insel wirkt ja wie ein Lichtpunkt, der den Seefahrern Orientierung bietet und den Schiffbrüchigen Hoffnung gibt. Oder kommt es vom schwarzen, ballenden Wolkenband, das die Insel oft umgibt? "Blitz" heißt auf Italienisch lampo.

120 Kilometer von Nordafrikas Küste entfernt, 210 Kilometer von Sizilien, gehört die Insel zur Afrikanischen Kontinentalplatte. Seit rund 20 Jahren kommen Migranten aus Afrika in bis zum Bersten voll beladenen Booten hierher. Jeder Europäer kennt inzwischen den Namen dieses Punktes im Meer, dieses, wie die Zeitungen schreiben, "Sprungbretts", "Nadelöhrs" oder "Einfallstors" nach Europa.

Über viele Jahrhunderte war das rund 20 Quadratkilometer große Vulkan-Eiland unbewohnt. Wüste Gerüchte umgaben es. "Einige des Vertrauens würdige Berichterstatter sagen", so kolportiert es der venezianische Gelehrte Vincenzo Coronelli, der 1684 die erste geografische Gesellschaft der Welt gründete, "dass sich niemand auf dieser Insel aufhalten könne, da sie während der Nacht von Gespenstern, Geistern und grausigen Erscheinungen heimgesucht werde. Die fürchterlichen Erscheinungen, die schreckliche Träume und Todesangst verbreiten, berauben jeden, der sich dort auch nur eine Nacht aufhalten will, des Schlafes und der Ruhe".

Die Regierung in St. Petersburg wirft ein Auge auf die Insel

Rein formal ist die Insel seit 1436 im Besitz der sizilianischen Familie Tomasi. Und der Dichter Ludovico Ariosto verschafft ihr 80 Jahre später in seinem Versepos Orlando Furioso, dem "Rasenden Roland", sogar einen ersten Auftritt in der Literaturgeschichte. Den historischen Hintergrund des Werkes bilden die Kriege zwischen Karl dem Großen und den Sarazenen im 8. Jahrhundert, die an den Küsten und auf den Inseln des Mittelmeers ausgefochten werden. Ariost macht Lampedusa zu dem Schauplatz, wo sich die edlen christlichen Ritter und die Sarazenen eine letzte, alles entscheidende Schlacht liefern.

Die Lage inmitten eines feindseligen, wilden Meeres, an der Nahtstelle zwischen christlicher und muslimischer Welt, und ihre menschenleere Ödnis verleihen der Insel offenbar mythische Anziehungskraft. Und so betreten trotz allen abschreckenden Rumors immer wieder Menschen das Eiland, denn es bietet Schutz und Geborgenheit vor den Launen des mächtigen Meeres. Nicht weit vom heutigen Hafen entfernt, in einer vor Wind und Wetter geschützten Felsbucht, liegen mehrere Höhlen, die im Sommer Schatten und Kühle spenden und im Winter Ruhe vor den Stürmen gewähren. Es herrscht hier vollkommene Stille. Nicht einmal das Rauschen des Meeres ist zu hören, und der immerzu über die Insel fegende Wind schweigt an diesem Ort. Er heißt heute Cala della Madonna.

In Italiens Süden und auf den italienischen Inseln wird Maria mit Leidenschaft verehrt. Sie galt als Schutzschild gegen die muslimischen Korsaren. Schließlich war über viele Jahrhunderte Angst der ständige Begleiter der Menschen hier. Sie konnten jederzeit verschleppt, ausgeraubt, erschlagen werden. Sie lebten in einem Zustand der permanenten Belagerung. Dagegen wappneten sie sich, indem sie Wachtürme bauten, Befestigungen errichteten und in der Kapersaison ihre Garnisonen verstärkten. Die Muttergottes stand ihnen bei.

Im Laufe der Jahrhunderte ließen sich, der frommen Überlieferung nach, in Lampedusas Höhlen christliche Eremiten nieder, darunter ein französischer Mönch. Dieser war in seinem Glauben gewiss sehr gefestigt – und doch ein flexibler Mann. Wenn muslimische Seefahrer anlegten, gab er den Muslim, wenn christliche kamen, den Christen. Dafür erhielt er Wasser und Nahrung. Er machte sich nützlich, indem er ein Feuer unterhielt, das die vorbeifahrenden Schiffe vor den Klippen Lampedusas warnte.

In seiner Geschichte des Mittelmeers beschreibt der französische Historiker Fernand Braudel, wie sich die Zivilisation von Mesopotamien und Ägypten aus von Osten nach Westen ausbreitete. Dabei spielten die Inseln eine besondere Rolle. Als das Ringen mächtiger Kontrahenten um die Vorherrschaft im Mittelmeer begann, zunächst zwischen Römern und Phöniziern, dann zwischen Christen und Muslimen, wurden sie zu wichtigen militärischen Stützpunkten.