Um zu verstehen, warum Google fast im Wochentakt kleine Unternehmen kauft, muss man nicht in die Zukunft schauen, sondern ein wenig zurückblicken. Es ist nicht lange her, da war der Internetkonzern nur eine Suchmaschine mit angeschlossenem Kalender, E-Mail-Postfach und Landkarte. Aber schon da sagten die Gründer Larry Page und Sergej Brin, sie würden aus Google ein Mega-Gehirn der Welt machen, das groß und smart genug ist, um zum persönlichen Begleiter eines jeden Menschen zu werden. Google will Ratschläge geben, bevor überhaupt eine Frage gestellt wird – und Google Now ist die aktuelle, noch etwas beschränkte Version dieses Assistenten. Er zeigt beispielsweise vor einem Termin automatisch den Weg an. Zudem reagiert er auf gesprochene Fragen und spuckt Antworten aus – meistens.

Die Firmenkäufe der jüngsten Zeit zeigen recht deutlich, wie der Konzern seinen Dienst verbessern möchte: indem er möglichst viele Sensoren und Datenerfassungsgeräte im Alltag der Menschen platziert – oder Industrien dazu drängt, ihre Produkte ans Internet anzuschließen, indem Google es vormacht. Dafür muss der Internetkonzern gar nicht alles selbst entwickeln, sondern kann in die prall gefüllte Konzernkasse greifen (fast 59 Milliarden Dollar) und ein paar vielversprechende Firmen kaufen. Meistens bleibt der Übernahmepreis geheim, aber die Beträge, die bekannt sind, summieren sich seit 2012 auf rund sechs Milliarden Dollar.

Seit drei Wochen gehört zur Google-Sammlung auch die Firma Nest, ein Hersteller von Rauchmeldern und Thermostaten, die man fernsteuern kann. Diese eher simplen Geräte könnten eines Tages im Haushalt das Google TV und die Smartphones, Tablet-Computer und Laptops, die mit dem von Google entwickelten Betriebssystem Android laufen, ergänzen. Private Wohnungen und Häuser könnten irgendwann voller Google-Sensoren stecken – und wenn nicht, so sollen alle Geräte zumindest von einem Google-Smartphone aus bedient werden können. Zugleich sollen möglichst viele Daten an die Rechenzentren des Konzerns fließen. Damit der persönliche Google-Assistent zur rechten Zeit, also im Nu, noch bessere Dienste leisten kann als heute: Lass die Jalousien runter, schalt die Waschmaschine an, das Paket kommt in zwei Stunden. Google experimentiert tatsächlich mit einem Paketdienst namens Bufferbox und seit Kurzem auch mit Roboterhunden von Boston Dynamics. Ob Robo-Fiffi den Besitzer künftig zur Google-eigenen Packstation für Pakete begleitet oder irgendwann selbst als Trägertier durch die Straßen wetzt – alles offen. Nicht umsonst werden diese Investitionen durch das Ideenlabor Google X getätigt. Dort experimentiert man ja auch mit autonom fahrenden Autos. Was einmal daraus wird? Wer weiß.

Im normalen Auto ist Google längst mit seinem Kartendienst etabliert. Jüngst wurde eine Kooperation mit Audi verkündet, und seit einem halben Jahr gehört zu Google X auch die israelische Firma Waze, die im Kern ein Staumelder ist. Aber – das ist das Besondere: Jeder Nutzer wird bei Waze zum Sender, meldet automatisch seine Bewegungen und die Software kann Staus insofern besser anzeigen als viele andere.

Vor wenigen Tagen teilte Konzernchef Larry Page nun in einem Blog-Beitrag mit, er glaube an die Dynamik von wearables – also am Körper getragenen Geräten – und digital aufgemotzten Haushaltsgegenständen: "Wir freuen uns auf die Möglichkeiten, für unsere Kunden tolle neue Produkte in diesen aufstrebenden Ökosystemen zu entwickeln."

Ohnehin fällt auf, dass Google zwar ein paar Gerätehersteller gekauft hat, die meisten Übernahmen aber helfen, die Leistungen der Google-Rechenzentren zu verbessern. Die sollen nicht nur viele Daten verarbeiten, sondern diese auch in Wissen verwandeln. Das ist das alte Ziel von Google, und ihm soll auch die jüngst erworbene Firma Deep Mind aus London dienen. Deren Software ermöglicht es Computern, selbsttätig zu lernen, also die eigenen Ergebnisse zu verbessern.

Dass dem Konzern dabei nicht alles gelingt, zeigt das Beispiel Motorola. Das Handy-Unternehmen hatte Google erst vor drei Jahren für mehr als zwölf Milliarden Dollar gekauft, nun gibt man die Firma für weniger als drei Milliarden Dollar an den aufstrebenden chinesischen Konzern Lenovo weiter. Der dramatische Preisabschlag erklärt sich vor allem damit, dass Google die allermeisten Mobilfunkpatente behält. Sie dienen als Waffe in juristischen Scharmützeln mit Wettbewerbern wie Apple und Samsung; denn die Branche hat sich angewöhnt, Konkurrenten zu behindern, indem man ihnen Lizenzgebühren aufzwingen will – weil irgendein Patent verletzt wurde. Man werde die Patente "auch weiterhin nutzen, um das gesamte Android-Ökosystem zu verteidigen", kündigte Larry Page an. Eine strategische Kehrtwende sei der Verkauf keineswegs. "Das bedeutet nicht, dass wir uns von unseren anderen Hardware-Anstrengungen abwenden."