Hinter Chur fragt keiner mehr, wann wir endlich da sind. Der Kleine haut mit der Faust gegen die Scheibe. "Heiß", ruft er immer wieder, während der Postbus sich ins Überwältigungstheater der Schweizer Berge hineinschraubt. "Heiß, heiß, heiß", sein Privatwort für alles, was toll ist. Die Große hält schweigend meine Hand. Rechts jäh abfallende Schluchten, links steil aufragende Felswände, darüber ein eisblauer Winterhimmel. Einzelne Wolken werfen dramatische Schatten auf die Hänge, die Serpentine um Serpentine näher rücken. Als darauf ameisengroß die ersten Skifahrer zu erkennen sind, behaupte ich: "Da fahren wir morgen auch runter." – "Vielleicht erst übermorgen", sagt der Vater.

Es ist unser erster Skiurlaub zu viert. Die Kinder, zwei und fünf Jahre alt, haben noch nie auf Brettern gestanden. Und ich bin schon lange aus der Übung. Wenn man so will, gehöre ich zu der grauen Masse, über die sich alpine Touristiker seit Jahren den Kopf zerbrechen. Sieben Millionen, also etwa die Hälfte aller deutschen Skifahrer, haben den Skiurlaub aus dem Ferienkalender gestrichen. Über die Gründe wird viel spekuliert.

Bei mir war das keine bewusste Entscheidung. Es ist einfach so passiert: Als Studentin hatte ich kein Geld, später keine Zeit oder andere Pläne. Hinzu kamen Freunde, die nicht Ski fahren konnten, schließlich der Mann, der zwar leidlich Ski fahren kann, Wintersport aber für einen rücksichtslosen, umweltschädlichen Angebersport hält, in etwa so zeitgemäß wie die Großwildjagd. "Hast du deine Skiberge mal im Sommer gesehen?" – "Warum machen wir für das Geld nicht eine richtige Reise?" So lauteten die Fragen, auf die mir lange keine vernünftige Antwort einfiel.

Skifahren ist nun mal nicht vernünftig. Es ist teuer, es ist gefährlich und hat ein völlig irrationales Sehnsuchtspotenzial. Als Kinder haben mein Bruder ich jeden Winter die Tage und Wochen gezählt, bis es endlich losging – aus dem dauerverregneten deutschen Westen in den schneebedeckten Schweizer Osten. Dort wartete etwas auf uns, was größer und wilder war als unser Mittelstandsleben.

Leute, die sich die Hänge nur im Sommer anschauen, können das nicht verstehen. Sie haben keine Ahnung, wie sich das anfühlt, mit vollgepumpten Lungen durch die Berge zu fliegen. Sie wissen nicht, dass man am Steilhang schwerelos wird und den Geschwindigkeitsrausch hinterher gerne mit brennenden Beinen bezahlt. Für sie klingt das alles verdächtig nach Ersatzreligion. Auch damit haben sie natürlich ein bisschen recht. Selbst wenn man denkt, längst damit fertig zu sein, bleibt das Skifahren in einem drin wie ein Kinderglaube.

Wann immer sich in den vergangenen Jahren eine Gelegenheit bot, auf Dienstreisen oder bei Familienfesten in den Alpen, habe ich mir einen Skitag gegönnt. Und seit ich selber Kinder habe, werde ich das Gefühl nicht los, ihnen etwas Wesentliches vorzuenthalten, wenn ich sie nicht langsam mal auf die Bretter stelle. Am Ende hat mich nur noch die Anreise geschreckt. Mit dem Nachtzug von Berlin bis Zürich, umsteigen, dann von Chur aus weiter im Postbus – mit zwei Quengelbeuteln und vier Koffern fühlt man sich da zwischenzeitlich wie auf dem Jakobsweg. Aber gleich ist es geschafft.

Der Postbus hält am Dorfplatz Lenzerheide, dem kleinen Ort in den Bündner Bergen, in dem ich selbst vor dreißig Jahren Skifahren gelernt habe. Bis vor wenigen Minuten fand ich es naheliegend, mit meinen eigenen Kindern genau dort wieder hinzufahren. Jetzt frage ich mich, ob das wirklich eine gute Idee war. Nach knapp zwei Stunden schwarz-weiß-grauer Großartigkeit ist Lenzerheide erst mal ein Schock. Wo in meiner Erinnerung nur einzelne windschiefe Chalets die Hänge hinaufkletterten, schachteln sich nun die Apartmenthäuser übereinander. Was hat das riesige, bunt beflaggte Sportgeschäft hier verloren? Wer braucht all die Souvenirläden, den Nippes, die billig wirkenden Pizzerien? (Die natürlich nicht billig sind, wir sind ja in der Schweiz.)