DIE ZEIT: Sie sind nach wie vor Österreichs bekanntester Wintersportler. Sind Sie gerne diese Allzeit-Ikone, dieser unsterbliche Held?

Hermann Maier: Sicher will man ein Held sein, weil man selbst Vorbilder hat. Aber dieser Skiheld wollte ich eigentlich nicht sein. Im Endeffekt ging es für mich einfach um das Skifahren. Ich wollte mich mit anderen messen und der Beste sein. Und als ich ganz oben gestanden bin, war es das Ziel, noch besser zu werden, diesen perfekten Schwung zu finden. Das Drumherum war dabei oft eher belastend.

ZEIT: Haben Sie erwartet, dass die große Popularität nach dem Ende Ihrer Karriere nachlassen würde?

Maier: Dass mein Bekanntheitsgrad nicht so abgenommen hat, wie ich mir das vielleicht gewünscht hätte, hat wohl weniger mit meinem sportlichen Werdegang zu tun als vielmehr mit diesen Comebacks und gemeisterten Rückschlägen, von denen die meisten Menschen genauso betroffen sind in ihrem Leben. Im Grunde geht es ja meistens darum. Jeder kennt die Situation, mit Rückschlägen fertig werden zu müssen.

ZEIT: Haben Sie ein Problem damit, in der Öffentlichkeit zu stehen und ein Prominenter zu sein?

Maier: Der Verlust der Anonymität ist schon schwierig, und man muss lernen, damit umzugehen. Ich habe das zunächst überhaupt nicht gekonnt, weil es bei mir ja quasi über Nacht passiert ist. Ich kann nicht sagen, dass man sich daran gewöhnt. Es gibt immer wieder Kleinigkeiten, die einen stören. Aber im Lauf der Jahre bekommt man eine gewisse Routine. Großen Wert lege ich dennoch auf Authentizität. Und natürlich darauf, dass Privates privat bleibt.

ZEIT: Gab es zu Ihrer Zeit schwule Skifahrer?

Maier: Ich kann mich an keinen erinnern. Aber wenn, dann wäre es halt so gewesen. Eigentlich sollte man das als ganz normal betrachten. Warum sollte es für einen Sportler anders sein als für alle anderen Menschen?

ZEIT: Sollten sich die Olympiateilnehmer in Sotschi dafür interessieren, dass in Russland Menschenrechte missachtet werden und "homosexuelle Propaganda" verboten ist?

Maier: Ja. Ich finde schon, dass es für Sportler dazugehört, sich mit den Gegebenheiten in Ländern auseinanderzusetzen, die man besucht. Politisch ist das sehr wichtig. Allerdings geht es, wenn ich einmal als Sportler dort bin, in erster Linie um den Sport und darum, erfolgreich zu sein. Und was die Rechte Homosexueller betrifft, ist es ein Wahnsinn, dass es überhaupt noch Diskussionen gibt.

ZEIT: Hätten Sie als Sportler in Sotschi protestiert oder sich in Interviews verbal geäußert?

Maier: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber ich mache mir so meine Gedanken. Diese Homophobie ist schon unverständlich. Und es ist auf jeden Fall wichtig, dass Proteste auch zugelassen werden, wenn es welche geben sollte. Da muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er daran teilnimmt oder nicht. Aber die Möglichkeit besteht wenigstens, und ich finde schon, da sollte man sich durchaus anschließen. Sich mit gewissen Dingen auseinanderzusetzen ist das Um und Auf. Wo sind die Olympischen Spiele? Was passiert da? Wie ist das mit den Tschetschenen in der Nachbarregion? Unter einer Piste liegen deren Vorfahren begraben, heißt es. Ich habe mir bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998 genauso Gedanken gemacht. Dort gab es eine vergleichsweise natürlich harmlose Diskussion und Proteste, weil der oberste Teil der Abfahrt in ein Naturschutzgebiet gebaut wurde. Ich dachte mir, warum sind wir nicht weiter unten gestartet: Dann hätte es mich oben nicht rausgeschmissen (lacht).