Mitten in der Nacht wache ich auf und sehe vor mir im Mondlicht die Berge: schwarze, waldbedeckte Hänge, Schneegipfel, die bläulich aus dem Dunkel leuchten, darüber die Sterne. Ich muss nicht aus dem Bett für den grandiosen Anblick, ja mich nicht einmal aufsetzen. Weil die Vorhänge geöffnet sind, kann ich einfach daliegen und zusehen, wie langsam der Tag graut, dankbar für den schlechten Schlaf, dankbar vor allem für meine "Junior-Suite", die ein Ausguck ist, kein Zimmer: eine ganze Wand nur Fenster bis auf die Höhe des Betts hinunter, und dahinter eine Terrasse – mit gläserner Brüstung! In diesem Raum möchte man dramatisches Wetter erleben, Schneestürme, Wolkenbrüche, Gewitter, während man sich zugleich zwischen Zirbentäfelung und Wollstoffen geborgen fühlt.

Das klingt jetzt rustikaler, als es ist. Im österreichischen Gradonna Mountain Resort sind Holz, Loden und Filz mit einer fast minimalistischen Gestaltung kombiniert. Klare Linien, glatte Oberflächen, keine Bauernschränke. Nichts Überflüssiges, außer dem Wellness-Jargon auf einem Kärtchen, das über die "entschleunigende" Wirkung der Zirbe informiert.

Tags kann man vom Fenster aus hinunterschauen auf das Osttiroler Dorf Kals am Großglockner: Hier beginnt die kürzeste Route auf Österreichs höchsten Berg. Die Häuser liegen zu Weilern gruppiert im weiten Talkessel verstreut, ich sehe zwei Kirchen und eine Kapelle, keine großen Hotels, keine massigen Aufstiegsanlagen, Idylle. Im Vordergrund aber stehen andere, gar nicht tirolerisch anmutende Häuschen: mit Lärchenschindeln verkleidete Kuben auf Betonsockeln. 41 dieser Chalets gehören neben dem Hauptgebäude zum Resort. Ein eigenes Dörfchen im Wald. Gleich jenseits der Anlage führt die Skipiste vorbei, die Gäste können vor die Tür treten und hinübergleiten. Auf den flachen Chaletdächern wächst Gras, beim Bau des Resorts wurden einheimische Materialien verwendet, das Wasser kommt aus eigener Quelle, für die Heizung sorgt ein Hackschnitzelwerk – man bemüht sich offensichtlich um Naturnähe und Nachhaltigkeit.

Nie wieder falsch liegen: Um weitere Hoteltests zu lesen, klicken Sie bitte auf dieses Bild. © Design Hotels

Und doch protestierten die Grünen heftig gegen das neue Resort, das vor Kurzem im touristisch bislang wenig erschlossenen Osttirol eröffnete, eines der aufsehenerregendsten jüngeren Hotelprojekte Österreichs. Wegen des Gradonna wurde Kals sogar vom österreichischen Alpenverein aus dem Netzwerk der besonders naturbewussten "Bergsteigerdörfer" ausgeschlossen. Warum? Die Antwort steht neben dem lang gezogenen Hotelbau, in dem sich mein Zimmer befindet: ein schwarzer Turm, elf Stockwerke hoch, glasverkleidet; drinnen sind Suiten untergebracht, oben gibt es eine Dachterrasse. Bei der Ankunft empfinde ich den Turm als Schock.

Bis er anfängt, mir zu gefallen. Ich streife ein wenig durchs Gelände, die ebenfalls bodentiefen Fenster der Chalets geben den Blick auf fremde Häuslichkeit frei, ein Mädchen spielt auf dem Teppich vor einem gusseisernen Ofen, Familienrunden sitzen an großen Holztischen. In einer Wiese vor dem Hotel dampft der beheizte Außenpool, weiter unten gibt es einen großen Badeteich. Wegkreuze geben Wanderzeiten an, der Nationalpark Hohe Tauern bietet Touren in allen Varianten. Schließlich gehe ich zwischen Fichten und Lärchen nach Kals hinunter – und als ich in einer Biegung zurückschaue, fällt es mir auf: wie der Hotelturm sich auf den Berg dahinter bezieht, den Blauspitz, 2575 Meter hoch, ebenfalls schroff und kantig und dunkel.

Beige und schwarz innen wie außen: Der Salon eines Chalets

Dass das Gradonna in die Landschaft eingebettet liegt, wie es auf der Hotel-Website heißt, ist trotzdem eine mutige Behauptung. Die Chalets – ja; auch das ebenfalls schindelverkleidete niedrige Hotelgebäude. Mit der Zeit wird das Lärchenholz nachwittern, grauer und unauffälliger werden, man kann es jetzt schon erkennen. Aber der Turm? Er steht eher wie eine interessante Erwiderung im Raum – doch das ist mehr als man von den unzähligen pseudo-alpinen Berghotels im Alpenraum sagen kann. Im Dorf frage ich einen Skibusfahrer, wie die Kalser über das Resort denken. "'Endlich!', sagen die, 'endlich passiert hier was.' Das Hotel stört höchstens die Fremden, die wollen, dass Kals so bleibt, wie es immer war."

Die Veränderung in Kals ist dem Zillertaler Geschwisterpaar Martha und Heinz Schultz geschuldet. Deren Schultz Gruppe betreibt mehrere Skiresorts und touristische Betriebe in Kärnten und Tirol. In Kals, das als ausgesprochen schneesicher bekannt ist, bauten die Geschwister 2008 eine Gondelbahn, die die lokalen Pisten mit denen von Matrei verbindet, wodurch der Ort für Skifahrer erst richtig attraktiv wurde. Nun wagen sie mit dem Gradonna einen Spagat zwischen Tradition und Moderne.

Der ist oft gelungen: Die Chalets und Zimmer sind auf luftige Weise heimelig, die unverputzten Betonsäulen im Hallenbad wirken nicht kalt, sondern ursprünglich. Nur die Lobby bleibt seltsam steif und nüchtern, trotz Wollteppichen, Filzsesseln und Holzskulpturen einer Abfertigungshalle ähnlicher als einem gemütlichen Berghotel. Das mag an der schieren Größe liegen oder an den Farben – granitgrau und wiesengrün sind nicht die wärmsten Töne der Natur.

Vielleicht ist es momentan auch zu leer im Haus. Gerade sehe ich kein einziges Kind. Und für die – oder wenigstens für die Eltern – muss das Gradonna wunderbar sein. Es gibt einen großen Kinderclub und einen kleinen Skihang für Anfänger, ein Familienschwimmbecken, einen eigenen bunten Kinderspeisesaal – und wenn es noch zu früh ist fürs Abendessen, dann hilft das nette Barpersonal mit Gummibärchen über die Wartezeit hinweg.

Auch der Speisesaal hat eine große Glasfront. Die Karte bietet eine gelungene Mischung aus Österreich und Mittelmeer, auf Parmesanterrine mit Lardo und Prosciutto folgen etwa Griesnockerl, bevor man sich entscheiden kann zwischen Dorade mit Artischockenrisotto, Schweinsmedaillons oder Kürbisgnocchi. Zum Frühstück gibt es dann abermals den großartigen Blick auf die Berge und weit übers Tal. Mit diesem Ausblick bin ich vorher schon durchs Hallenbad geschwommen, und würde ich bei der Yoga-Übung "Fünf Urkräfte" mitmachen oder an den Geräten schwitzen, dann hätte ich ihn ebenfalls. Im Gradonna kann man drinnen sein und gleichzeitig ein bisschen draußen. Das ist der wahre Luxus des Resorts – ein Geschenk der Architekten.