Indien, die größte Demokratie der Welt, fast 1,3 Milliarden Menschen. Vielleicht 150 sind auf einem öden Platz am Rand eines Vororts von Delhi versammelt, zwanzig Kilometer vom Zentrum der wuchernden, formlosen Stadt entfernt. Die Straßen hier draußen sind unbefestigte Holperstrecken, die Stromleitungen hängen ungesichert in der Luft. Es ist ein kleines Stück Lokalpolitik, das an diesem späten Sonntagvormittag im Januar stattfindet – Leute aus der Nachbarschaft, die über ihre Alltagsprobleme reden. Es ist zugleich ein großes Experiment, der revolutionäre Versuch, eine Demokratie zu demokratisieren, die für Hunderte Millionen ihrer Bürger nicht hält, was der schöne Name verspricht.

"Der Landtagsabgeordnete besucht seinen Wahlkreis" würde die Szene in Deutschland heißen. Ein Routinetermin. Aber hier ist nichts Routine. Der Landtagsabgeordnete, Sanjeev Jha, ist ein 35-jähriger ehemaliger Sozialarbeiter ohne politische Erfahrung. Seine Partei AAP (die "Partei der kleinen Leute") ist eine Neugründung, die nach einem Sensationserfolg bei den Regionalwahlen im Dezember die Regierung über die Hauptstadt Delhi übernommen hat. Sie will die grassierende Korruption radikal bekämpfen und die VIP-Kultur der Dienstwagen und Dienstvillen, die Indiens Kapitale beherrscht, abschaffen.

Die Bürger, die der Abgeordnete Jha besucht, sind es nicht gewohnt "Bürger" zu sein, nicht gewohnt, dass Politiker vor ihnen Rechenschaft ablegen und ihre Fragen beantworten. Sie sitzen und stehen ihm gegenüber, die Frauen vorn, die Männer hinten, die Gesichter neugierig, misstrauisch, hoffnungsvoll, gespannt, abwartend. Ein paar Frauen haben sich auf die Treppenstufen der Häuser gehockt – die konservativsten oder schüchternsten, die sich kaum in die Öffentlichkeit trauen, dies hier aber nicht verpassen wollen.

Die Gewählten waren oben und die Wähler unten. Die AAP will das ändern

Sanjeev Jha erzählt ihnen von Ermittlungen der neuen Stadtregierung gegen Beamte, die bei Großprojekten bestochen worden sein sollen. Er redet von Schulen und Krankenhäusern, in denen die Lehrer und Ärzte nicht zum Dienst erscheinen, von der gerade beschlossenen Verlegung eines gigantischen Busdepots, um Delhis verdreckten Fluss Yamuna nicht noch weiter zu belasten. Er macht Parteiwerbung, aber auch Staatsbürgerkunde: Ihr seid nicht schwach, sondern stark; ihr kennt eure Probleme und werdet uns sagen, wie sie zu lösen sind; lasst euch nicht auseinanderdividieren in die einen, die in den Tempel, und die anderen, die in die Moschee gehen.

Denn darauf ist die indische Politik programmiert, um den sozialen Fragen auszuweichen: Sie packt die Wähler bei ihren Religions- und Kastenidentitäten, die sie trennen, statt davon zu reden, was die da unten gegen die da oben vereinen könnte.

Dann sind die Leute an der Reihe. Sie beschweren sich über die Wassermafia, die mit ihren Tankwagen die Versorgung in den Außenbezirken der Stadt kontrolliert und die Preise nach oben treibt. Darüber, wie viel die Gaszylinder kosten, die man zum Kochen braucht. Über die Polizei, die das Rauchverbot in der Öffentlichkeit nicht durchsetzt, nicht einmal an Bushaltestellen, vor den Augen von Schülern. Gegenbemerkung des Abgeordneten Jha: Und wenn die Polizei einen von euch wegen Rauchens drankriegt, mobilisiert ihr sofort eure Beziehungen, um ihn rauszuhauen. Es ist eine doppelte Botschaft: Es gibt ein Recht auf einen Staat, der korrekt seine Arbeit erledigt und alle gleich behandelt. Aber dafür, dass sie so einen Staat bekommen, sind die Bürger auch selbst verantwortlich.

Sind das die Grünen Indiens in ihrer frühen Phase?

"66 Jahre lang", also seit Indien die britische Kolonialherrschaft abgeschüttelt hat, "haben die Leute nicht verstanden, was Demokratie eigentlich ist", hat Sanjeev Jha ein paar Tage vorher im lokalen AAP-Parteibüro gesagt. "Demokratie hieß nur, dass man bei Wahlen seine Stimme abgibt." Die Gewählten blieben Obrigkeit, die Wähler Untertanen, und zwischen beiden gab es keinen Dialog. Jahrzehntelang legte die Regierung große, gut gemeinte Hilfsprogramme für die Armen und für benachteiligte Gesellschaftsklassen auf, die auf dem Weg zu ihren Empfängern versickern und versanden.

Die "Partei der kleinen Leute" will viel mehr als nur die Korruption bekämpfen, sie will das alte System aufbrechen und abschaffen. Versammlungen wie die mit Sanjeev Jha sollen zu echten Entscheidungsorganen werden, zu Schauplätzen einer dezentralen Basisdemokratie, in der Dörfer und Stadtviertel über die Verwendung öffentlicher Mittel entscheiden und die örtlichen Beamten zur Rechenschaft ziehen können. Es ist ein Programm mit tiefer historischer Resonanz: Mahatma Gandhi, der Vater der Nation, war mehr für Dorfdemokratie als für den Großstaat nach europäischem Muster.