DIE ZEIT: Herr Kulessa, ich möchte mit Ihnen über ausländische Schüler in deutschen Internaten sprechen ...

Detlef Kulessa: Nur zu! Gerade rief mich eine Mutter aus Moskau an. Sie hat selbst in Deutschland studiert, spricht perfekt Deutsch und möchte ihr Kind hier in ein Internat geben.

ZEIT: Sie beraten seit 15 Jahren Eltern und vermitteln, gegen Provision, Kinder in Internate. Bekommen Sie oft solche Anrufe?

Kulessa: Seit ein paar Jahren melden sich immer mehr Mütter und Väter aus dem Ausland, vor allem aus Russland. Auch Chinesen schicken ihre Kinder zunehmend nach Deutschland. Bildung made in Germany ist enorm gefragt.

ZEIT: Das ist erstaunlich, schließlich müssen die Kinder doch Deutsch sprechen ...

Kulessa: Nicht unbedingt. Einige Internate stellen Lehrer ein, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, oder bieten Sprachkurse an. Im Kolleg St. Blasien etwa gibt es seit vielen Jahren schon eine Klasse mit besonderer Förderung für ausländische Schüler.

ZEIT: Warum machen die Internate das?

Kulessa: Der massive Ausbau der Ganztagsschulen macht einigen Internaten zu schaffen. Ohne die ausländischen Schüler hätten sie Probleme, alle ihre Plätze zu belegen.

ZEIT: Lange Zeit galten deutsche Internate als wenig weltoffen. Jetzt kommen mehr ausländische Schüler hierher. Bringt das die gewünschte Mischung?

Kulessa: Ausländische Schüler können grundsätzlich eine große kulturelle Bereicherung sein. Sie bringen eine andere Sicht auf die Welt mit, sie fordern Toleranz heraus – davon profitieren deutsche Schüler. Nur ein zu hoher Anteil von Kindern aus einigen wenigen Ländern kann problematisch sein. Es gibt Einrichtungen, wie etwa den Birklehof oder das Internat Solling, die haben mittlerweile Quoten für chinesische und russische Schüler. Damit soll verhindert werden, dass die Lage kippt und eine bestimmte kulturelle Gruppe das Internatsleben dominiert.

ZEIT: Beschweren sich deutsche Kinder über ihre chinesischen oder russischen Mitschüler?

Kulessa: Es kommt häufiger vor, dass deutsche Eltern im Beratungsgespräch fragen, wie hoch der Anteil russischer und chinesischer Kindern ist. Da schwingt eine gewisse Sorge mit, weniger bezüglich der Chinesen als der Russen. Chinesen sind in der Regel sehr diszipliniert, ungeheuer leistungsbereit und oft extrem gut in Mathematik. Das mag den einen oder anderen deutschen Schüler nerven, aber es spornt auch an. Da gibt es positive Effekte. Aber auch negative.

ZEIT: Welche?

Kulessa: Chinesische Eltern können vielfach mit reformpädagogischen Ansätzen, die bei uns in einigen Internaten gepflegt werden, nicht viel anfangen. Viele sind nicht interessiert an einer ganzheitlichen Bildung, mit Kopf, Herz und Hand. Herz und Hand sind denen eher egal. Da muss möglichst viel in den Kopf rein. Die Schüler müssen regelrecht gedrängt werden, auch mal etwas anderes zu tun, als nur zu lernen.

ZEIT: Was ist mit den russischen Kindern?

Kulessa: Da ist gerade ein fundamentaler Wandel zu beobachten: Russische Schüler hatten früher häufig ein Problem im Umgang mit Gewalt, mit Geld und mit dem weiblichen Geschlecht. Doch heute kommen mehr Kinder aus der Mittelschicht, die sind ausgesprochen bildungsaffin.

ZEIT: Was tun die Internate, um das Miteinander zu entspannen?

Kulessa: Ganz wichtig ist die Zimmerverteilung: Nie zwei Chinesen in ein Zimmer! Sonst neigen sie dazu, sich abzuschotten. Die Schulen müssen mehr Programme anbieten, um alle kulturellen Gruppen zusammenzubringen. Im Internat Solling gibt es jetzt eine chinesische Studentin, die bringt den Schülern nicht nur Mandarin nahe, sondern auch die chinesische Küche.