An dem Ort, der mich jahrelang in Schrecken versetzte, ist jeden Donnerstag Party. Mit lautem Electrosound, Kicker und Bier für einen Euro. Ich stehe am Rand der Tanzfläche und kann kaum glauben, wo ich bin.

Ins Internat zu müssen gehörte lange zu meinen schlimmsten Albträumen. Ich bekam schon Heimweh, wenn ich bei meinen Großeltern übernachtete, und konnte auf Klassenfahrten nicht einschlafen, wenn jemand zu laut atmete. Das und noch Schlimmeres würde mich im Internat erwarten, da war ich mir sicher. Schließlich hatte ich den Trotzkopf und Hanni und Nanni gelesen: Strenge Fräuleins würden mich zum Nähen zwingen, mir verbieten, mich frei zu bewegen, und ein zickiger Haufen Teenager würde jede Nacht mit mir in einem Zimmer schlafen. Als ich älter wurde, kamen durch Harry Potter und Schloss Einstein neue Bilder dazu: ehrwürdige Gebäude, riesige Speisesäle, Abenteuer – und immer noch jede Menge Regeln.

Mit fast 30 ist es an der Zeit, mich dem Horror meiner Kindheit zu stellen: Für zwei Tage bin ich in das Thüringer Internat Klosterschule Roßleben eingezogen. Am ersten Morgen begrüßt mich der Internatsleiter David Lucius-Clarke. Der Engländer trägt Tweed-Sakko und Seitenscheitel. Er führt mich über Kopfsteinpflaster zum Hauptgebäude, das aussieht wie ein Schloss: vier Flügel mit grünem Innenhof, Steinfassade, einem Türmchen auf dem Dach. Dahinter erstreckt sich ein großer Park mit Fußballfeldern, Fluss und alten Bäumen.

In seinem Büro schiebt mir Mr. Lucius-Clarke den Zeitplan über den Tisch, den jeder neue Schüler hier bekommt. Der Tag beginnt um 6.30 Uhr mit "Wecken, Körperpflege, Aufräumen der Zimmer" und endet mit der Nachtruhe um 22 Uhr. Dazwischen lese ich etwas von "Gilden" und "Silentium". Ich muss an Harry Potter denken. Der Internatsleiter, das Anwesen, der genaue Zeitplan – nach der ersten halben Stunde in Roßleben fühle ich meine Befürchtungen bestätigt.

Lotte aus der Elften bringt mich zu meinem Zimmer in einem Wohnhaus, in dem die Mädels aus der Oberstufe leben. Sie trägt die Haare zum Dutt gebunden, helle Jeans, Ugg-Boots – und einen Pullover mit dem Schulwappen. Ha, denke ich, Uniformen! Unterwegs sehe ich dann aber Tarnfarbenjacken und hängende Hosen. "Das mit den Schulklamotten ist freiwillig", erklärt Lotte. Ich streiche den Punkt von meiner gedanklichen Negativliste. Und als ich meine Unterkunft sehe, gleich den nächsten. Statt Schlafsälen gibt es hier Ein- und Zweibettzimmer mit eigenem Bad. Meins ist noch kahl: Tisch, Schrank, Bett, Regal. Lotte und Anna, die eine Etage über mir wohnen, haben es sich schon gemütlich gemacht. Über den Betten hängt Audrey Hepburn, umrahmt von Geburtstagskarten und Familienfotos. Daneben eine Lichterkette in Herzform, auf den Fliesen im Bad klebt ein Mosaik aus glitzernden Disney-Stickern.

Vor dem nächsten Punkt auf unserem Tagesplan haben wir noch ein bisschen Zeit. Wir setzen uns auf Lottes Bett. Sie ist 15 und lebt jetzt das zweite Jahr im Internat. Warum eigentlich? In den Büchern meiner Jugend sträubten sich die Figuren, ins Internat zu gehen, genau wie ich es getan hätte. Lotte ist freiwillig hier. Ihr Großvater war schon an der Klosterschule, erzählt sie. Er wünschte sich, dass eines seiner Enkelkinder die Tradition fortführt. Lotte entschied sich dafür. Bereut habe sie die Entscheidung nie. Überhaupt sagen alle, mit denen ich spreche, dass sie gerne hier sind. Dabei sind sie aus den unterschiedlichsten Gründen gekommen: weil sie an der alten Schule gemobbt wurden, weil die Eltern im Ausland arbeiten, weil sie Probleme im Unterricht hatten oder unterfordert waren.

Und wie ist das mit dem Heimweh?, frage ich Lotte, die noch vier Geschwister hat. Sie stammt aus der Nähe von Celle, ihre Mitschüler kommen aus ganz Deutschland. "Klar habe ich meine Familie am Anfang vermisst", sagt sie. "Aber jetzt ist das hier meine zweite Familie." Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihr das abnehme. Aber in den zwei folgenden Tagen bekomme ich mit, was sie meint.

Ob Nagellack, Laptopboxen oder Reithandschuhe, die Mädchen im Haus teilen alles. Und sie sind füreinander da. Mal mehr, mal weniger bedingungslos. Für zehn Euro macht Lotte am Abend für einen Mitschüler die Hausaufgaben, während ich mit den anderen einen Horrorfilm schaue. Nachts im Bett höre ich über mir Schluchzen und Heulen. Vielleicht doch Heimweh? Eine Schülerin hatte Stress mit ihrem Freund, erfahre ich am nächsten Morgen. Lotte hat ihr zur Beruhigung Charles Dickens vorgelesen, von Geistern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählt, bis sie wieder einschlafen konnte.

Mit einer Sache lag ich nicht ganz falsch: Die Tage in Roßleben sind lang und durchgetaktet, der Unterricht ist fordernd. An Lottes Seite quäle ich mich durch Agroforstwirtschaft, textgebundene Erörterungen und die Glykolyse. Im Klassenzimmer sitzen lauter unbekannte Gesichter: Von den etwa 390 Schülern wohnt nur ein Fünftel im Internat. Die "Externen" fahren nachmittags mit dem Bus nach Hause. Für die "Internen" geht es nach dem Unterricht mit den Gilden weiter – ein anderes Wort für AGs, wie ich lerne. Das Angebot ist groß und exotisch: Rugby, Rudern, Modellbau. Ich bringe Lotte zur Reitstunde und lasse mich danach beim "Friesenrock" von einem Siebtklässler durch die Gegend wirbeln.

Geschafft sitze ich abends nach dem Essen in meinem Zimmer. Die Ruhe tut gut. Rückzugsräume hat man im Internat wenige. Zu wenige, wie ich finde. Ich würde mich gerne hinlegen und lesen, aber das Programm für heute ist noch nicht vorbei. Es ist Internatsabend. Um sieben versammeln sich alle in der Turnhalle und treten in einem Sportparcours in Teams gegeneinander an. Das soll den Zusammenhalt stärken und den Neuen das Kennenlernen erleichtern.

Erst heute kam wieder einer an. Ein blasser Junge aus Hessen. Fast täglich kommen Anfragen von Eltern, trotzdem sind derzeit in Roßleben nur 78 von 110 Plätzen belegt. Seit drei, vier Jahren sind die Schülerzahlen der rund 600 Internate in Deutschland gesunken. Weil es insgesamt weniger Schüler gibt, aber auch, weil der Ausbau der Ganztagsschulen ihnen Konkurrenz macht. Hinzu kommt, dass man sich den Besuch leisten können muss. 1.600 Euro kostet das Internat der Klosterschule im Monat. Zwar gibt es auch Stipendien, aber die Kinder, die ich frage, sind alle ohne da.

Das ist ein weiteres Klischee, das ich im Gepäck habe, nicht aus den Büchern, aber von den Leuten, denen ich von meinem Vorhaben erzählt habe: Da sind doch die Reichen und Schnöseligen. Tatsächlich scheinen viele hier aus gutem Hause zu kommen, auch Lotte trägt ein "von" im Namen. Doch arrogant begegnet mir niemand, die meisten wirken entspannt und unbefangen. Kein Haufen Zicken in Sicht.

Wenn sich jemand danebenbenimmt, sind die Mitschüler die Ersten, die etwas sagen. Im Internat machen sie viel unter sich aus. Mehr, als ich dachte. In meiner Vorstellung waren Internate immer mit Kontrolle verbunden. Aber die Tutorin des Wohnhauses hat nichts mit der strengen Hausmutter aus den Büchern zu tun. Ja, sie schreibt die Noten auf, schaut, ob zum Silentium, der zweistündigen Hausaufgabenzeit, und nachts alle da sind. Aber das machen Eltern auch. Insgesamt bekomme ich wenig von ihr mit.

Regeln dagegen gibt es tatsächlich viele: Fernseher und Alkohol auf den Zimmern sind verboten, die Anwesenheit zum Frühstück und Abendessen ist Pflicht, und bei den Partys in der Cafeteria sind höchstens 0,7 Promille erlaubt. Wer nach dem Pusten darüberliegt, muss beim nächsten Mal Limo trinken. Aber es sind Regeln, mit denen man leben kann. Hanni und Nanni mussten immer ihr Taschengeld abgeben, und der Laden im Ort war tabu für sie. Wenn Lotte mittags keine Lust auf die Hefeklöße in der Mensa hat, geht sie im Ort Salamipizza essen. Außerdem wird auch mal ein Auge zugedrückt: An diesem Donnerstag haben die Zwölftklässler den ersten Teil ihrer Abi-Prüfung geschafft. Sie dürfen weiterfeiern, als die Schüler der Elften um zehn in ihre Zimmer gescheucht werden.

Wie ist es also nun in einem Internat? Einige von den Bildern, die ich im Kopf hatte, trafen zu: ein eindrucksvolles Gebäude, lange Tafeln im Speiseraum, Rituale wie Gemeinschaftsabende oder das Läuten der Glocke vor dem Abendessen. Einige habe ich aus meiner Vorstellung verbannt: Uniformen, Schlafsäle, gefürchtete Erzieher.

Und was ist mit den Abenteuern? Nun, die gibt es auch. Sie haben nichts mit Zauberei zu tun wie bei Harry Potter oder mit Mädchenintrigen wie bei Hanni und Nanni . Sie haben mit Liebe, mit Feiern, mit dem Testen der eigenen Grenzen zu tun – mit dem, was alle Teenager beschäftigt. Mehr kann ich dazu nicht verraten. Im Internat hält man zusammen. Und das heißt vor allem: Man hält dicht.