Es ist noch nicht geschehen, aber mancher mag schon bei dem Gedanken vor Wut aufschreien. Ist es wirklich möglich, dass die Aktionäre der Hypo Real Estate Schadensersatz bekommen, obwohl es diese Krisenbank ohne Hilfe der Steuerzahler (und Steuerzahlerinnen) heute gar nicht mehr gäbe?

Dafür gibt es Anzeichen. Vor dem Oberlandesgericht München hat diese Woche ein spektakulärer Prozess begonnen. Rund 40 frühere Aktionäre klagen gegen die Hypo Real Estate, die seit 2009 in Staatsbesitz ist. Die Kläger werfen der Bank vor, dass sie die Öffentlichkeit über ihre schwierige Lage getäuscht hat, als sie noch in Privatbesitz war.

Es geht um die Zeit zwischen Sommer 2007 und Frühjahr 2008, die Frühphase der Finanzkrise, die auf dem Immobilienmarkt der USA begann. Im August 2007 sagte der damalige Bankchef Georg Funke: "Wir erwarten, dass unserer Gruppe aus der jetzigen Krise keine Belastungen entstehen." Im November 2007 behauptete er gar, die Bank gehe "gestärkt aus der jüngsten Marktkrise hervor". Doch im Januar 2008 gab das Institut dann Wertpapierverluste in Höhe von 390 Millionen Euro bekannt. Der Aktienkurs fiel um 35 Prozent. Das Drama begann.

Schlimme Fehleinschätzungen, gewiss, aber soll der Staat als heutiger Eigentümer auch dafür noch bezahlen? Ja, das muss er, wenn die Bank damals die Öffentlichkeit falsch informierte. So gehört es sich im Rechtsstaat. Wenn also damals irreführende Informationen von Funke kamen, muss die Bank jenen Anlegern, die in dieser Zeit auf der Grundlage falscher Informationen Aktien gekauft haben, ihren Schaden ersetzen. Und genau solche Aktionäre klagen.

Nach einer ersten Einschätzung des Gerichts hat die Bank die Anleger tatsächlich getäuscht und hätte spätestens im November 2007 auf die wachsenden Probleme hinweisen müssen. Damit stellten sich die Richter auf die Seite der Kläger – und indirekt gegen die Steuerzahler, mit deren Geld die Bank später gerettet wurde.

Die Kläger fordern 1,1 Milliarden Euro. Es sind überwiegend Fondsgesellschaften aus Deutschland und anderen Ländern, eine Allianz-Tochter ist auch dabei. Dahinter stehen auch Sparer und Kleinanleger, also normale Bürger und Steuerzahler.

Wenn das Gericht den Anlegern am Ende der Beweisaufnahme einen Schadensersatz zusprechen sollte, wird das anstößig wirken. Aber es wäre rechtmäßig und in seiner Gesetzestreue auch gerecht.