Auf die Spitzen der deutschen Gesellschaft, der Wirtschaft wie der Politik, der Kultur wie der Medien, fällt dieser Tage ein schwefliges Licht, das wir armen Feuilletonisten bisher, jedenfalls mit derart intensivem Schwefelglanz, nur aus den französischen Romanen des 19. Jahrhunderts kannten – aus der Welt, in der Maupassants Bel Ami seinen skrupellosen Aufstieg organisierte, Balzacs Lucien de Rubempré seine Illusionen verlor, Flauberts Frédéric Moreau eine Erziehung des Gefühls durchlief, die vor allem eines war: Erziehung zur Einsicht in den korrupten Gesamtzusammenhang der Gesellschaft.

Zur deutschen Selbsteinschätzung gehörte es freilich bislang nicht, den Aufstieg zu Macht und Geld mit moralischer Enthemmung in eins zu setzen. Wir Toren! Die Bankenkrise der letzten Jahre, Betrug und List im Börsengeschäft mögen uns eine vage Ahnung gegeben haben, aber jetzt erst sehen wir, was man wohl von nun an die Realität nennen muss. Betrug auch an der Spitze des deutschen Automobilvereins, Steuerhinterziehung an der Spitze des deutschen Sports, des deutschen Journalismus, der Frauenbewegung – und jetzt der Berliner Lokalpolitik.

Nun ist der Fall eines Staatssekretärs, der seinen eigenen Staat hintergeht, gewiss ein factum brutum, das sich nicht ohne Weiteres wiederholt. Oder werden wir in Kürze einen Finanzminister haben, der das Finanzamt betrügt? Ausgeschlossen, gewiss. Aber die Menge dessen, was man eben noch für gewiss ausgeschlossen hielt, schrumpft in rasender Geschwindigkeit. Schon macht das Wort vom Eliteversagen die Runde, und in der Tat geht es ja nicht um Schwarzarbeit bei den Ärmsten der Armen, sondern um das Geld derer, die bereits genug davon haben. Aber was heißt schon genug, und was heißt Elite? Genug ist subjektiv.

Und Elite ist erst recht kein Begriff mehr, der eine sichere Zugehörigkeit ausdrückt, höchstens eine vergängliche Macht und Präsenz in der Öffentlichkeit. Der Blick in die französischen Romane, die nun wohl auch als Blaupause für die zweite deutsche Republik gelten müssen, offenbart als stärksten Antrieb der Geldgier das Sicherheitsbedürfnis jener, die sich aus höchst unsicheren Verhältnissen hocharbeiten oder hochschwindeln mussten. Und so zeigt sich selbst heute, selbst in den Steuerverbrechen derer, die es geschafft haben, noch immer der Fußabdruck einer zutiefst ungerechten Gesellschaft, die einen Rückfall oder Absturz nach unten so bedrohlich macht, dass verschwiegene Einkünfte oder ein Geheimkonto in der Schweiz als kleineres Risiko erscheinen.