Es ist eine erschreckende Prognose, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Beginn dieser Woche im Weltkrebsbericht veröffentlicht hat. In den kommenden 15 Jahren wird die Menschheit eine dramatische Zunahme von Krebs erleben. Bis 2030 soll die Zahl der neu diagnostizierten Fälle um mehr als 50 Prozent steigen – von aktuell 14 auf dann 21,6 Millionen pro Jahr. Schlimmer noch wird es 2030 um die Sterblichkeit stehen: 13 Millionen Krebstote erwartet die WHO dann – ein Plus von 60 Prozent.

Bei der Betrachtung der schockierenden Zahlen erliegt man jedoch leicht einer Täuschung. Die Explosion bei den Erkrankungszahlen ist zunächst wesentlich eine Folge des globalen Bevölkerungswachstums und der höheren Lebenserwartung gerade in den unterentwickelten Regionen der Erde. Die Menschen dort erreichen wegen der verbesserten Lebensumstände ein Alter, in dem sie überhaupt erst häufiger Krebs bekommen können, anstatt zuvor an Infektionen oder Mangelernährung zu sterben. Insofern ist die Warnung der WHO die Kehrseite besserer Lebensbedingungen für viele Menschen auf dem Planeten.

Steigender Wohlstand trägt auch auf andere Weise zum Anwachsen der Krebsraten bei. In Afrika, Asien und Teilen Südamerikas pflegen immer mehr Menschen einen Lebensstil, vor dem Mediziner in Europa und Nordamerika vergebens warnen: Überzuckerte Ernährung und körperliche Trägheit führen zu Fettleibigkeit. Längst sind global weit mehr Menschen übergewichtig als unterernährt.

Wachsende Einkommen sorgen auch dafür, dass der Tabakmissbrauch, im Westen mittlerweile eher auf dem Rückzug, in vielen anderen Regionen der Welt deutlich zunimmt. In China steigt als Folge des Zigarettenkonsums die Zahl der Lungenkrebsfälle. Selbst wenn es der chinesischen Gesundheitspolitik heute gelänge, die Zahl der Raucher zu senken, würden die Krankheitsfälle weiter zunehmen. Krebs braucht im Körper in der Regel zehn bis fünfzehn Jahre bis zum spürbaren Ausbruch.

Sorge bereitet aber vor allem die andere Vorhersage des WHO-Berichts: nicht nur die stetig anschwellende Zahl der Krebskranken, sondern die der Krebstoten. Auch hierzulande klettert die Zahl der neu entdeckten bösartigen Tumorleiden seit Jahren stetig nach oben. Immerhin schaffen es deutsche Mediziner, im Kampf gegen diese neuen Arten eine Stagnation bei den Todesfällen zu erreichen. Anderswo dürfte das nicht gelingen. Dass es bislang weder im hoch entwickelten und reichen Deutschland noch in den USA, dem führenden Land in der Tumorforschung, gelungen ist, die Sterberaten zu senken, lässt für die Menschen in den unterentwickelten Ländern der Erde Schlimmes befürchten.

Dort mangelt es oft nicht nur an medizinischer Infrastruktur – einem funktionierenden Gesundheitssystem mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, gut ausgebildeten Ärzten, Kliniken, an wirksamen Medikamenten und moderner Medizintechnik. Wo die ungeahnten Probleme bei der Krebsbekämpfung liegen können, zeigt die Erfahrung eines britischen Mediziners, der in Afrika arbeitet. Er wäre froh, nur über einen Mangel an Röntgengeräten klagen zu müssen, sagte der Arzt seinen Kollegen während eines Kongresses: "Zu mir kommen Frauen mit Brustkrebs im Endstadium. Sie wissen schon lange um ihre Krankheit, aber sie gehen nicht zum Arzt, weil sie mit der Diagnose von ihren Männern, von ihren Familien verstoßen und von ihren Kindern getrennt würden." Die wichtigsten Waffen gegen den Krebs in vielen Ländern seien Bildung und Emanzipation.

Die unterentwickelten Staaten Afrikas und viele der Armenhäuser Südamerikas oder Asiens wird die Zunahme der Krebskranken vor gewaltige Probleme stellen. Selbst die Großmacht China mit seiner rapide alternden Milliardenbevölkerung steuert auf eine tiefe Krise zu: Ihr gerade im massiven Ausbau befindliches Gesundheitssystem könnte unter einer drohenden Flut von Krebs und anderen Altersleiden kollabieren. Schon jetzt sind die Preise für moderne Medikamente in China manchmal doppelt so hoch wie in Europa, weil Kranke Bestechungsgelder für sie zahlen müssen.

Das Alter ist der größte Risikofaktor für Krebs, daran kann die Medizin wenig ändern. Was darüber hinaus getan werden könnte, um die Krebszahlen im Griff zu behalten, hat die WHO in ihrem Bericht benannt: Die Regierungen müssten dem Rauchen, dem Übergewicht, der körperlichen Inaktivität entgegenwirken.

Diese Appelle sind wahrlich nicht neu, gefruchtet haben sie selbst in Deutschland wenig. Die Warnung der WHO ist also kein Alarmismus.