Im fernen Berlin-Kreuzberg sind wieder Dinge vorgefallen, die den Rest der Republik so in Erstaunen versetzen, als "wenn hinten weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen" (Goethe). Die linke Mehrheit im Bezirksparlament diskutiert darüber, in ihrem Hoheitsgebiet und namentlich auf vier, wir wiederholen: vier, Werbetafeln, deren Plakatierung dem Bezirksamt Kreuzberg-Friedrichshain obliegt, sexistische, frauenfeindliche oder allgemein diskriminierende Werbung zu verbieten.

Die Initiative, die sich ganz unverdächtig an den "Richtlinien des Österreichischen Werberats" orientiert, ist heiß umstritten und erregt den Unmut aufrechter Demokraten, die sich durch ein bezirksamtliches Verbot von zu viel nackter Frauenhaut auf schwarzen Chromkühlerhauben in ihren Freiheitsrechten beschränkt sehen ("so was gibt es bisher nur in Nordkorea" schreibt Kollege Harald Martenstein im Berliner Tagesspiegel). Enttäuscht zeigt sich indes eine Kreuzberger Bürgerinitiative, die ihren schönen Wohnbezirk lieber komplett zur werbebefreiten Zone erklären würde.

Da stoßen die Freiheitsbegriffe hart aufeinander. Die einen wollen von ekliger Werbung befreit werden, den anderen liegt die Freiheit der Werbung am Herzen. Wem soll man es da recht machen? Und wo hört der schöne Spaß auf und fängt der eklige Sexismus noch mal genau an?

Paula Riester, die Fraktionschefin der Grünen in Kreuzberg, hat dazu eine plausible Idee: "Wenn eine Frau im Bikini für Bademoden wirbt, ist das okay. Wenn sie im Bikini für Schokoriegel oder Autos wirbt, ist das sexistisch." Die neue okaye Übersichtlichkeit sieht dann so aus, dass man für Duschköpfe im Wesentlichen mit Duschköpfen und für Turbomotoren mit Turbomotoren Reklame macht. Das käme mal auf den Versuch an.

Das Dilemma würde sich schließlich von selber und gänzlich verbotsfrei lösen, wenn sich herausstellte, dass untergewichtige Blondinen auf Motorhauben und halb nackte Teenager in Pudelstellung vor Badearmaturen in Wahrheit überhaupt nicht zum verbesserten Absatz der Motorhauben und der Badearmaturen führen. Dann könnten die Dinge wieder in schöner Einfalt mit sich alleine sein.