Wenn demnächst das größte Riesenrad der Welt in Las Vegas eröffnet, können die Fahrgäste einen Blick in die Vergangenheit werfen. 167 Meter hoch befördert sie das Gefährt mit dem sinnigen Namen High Roller; und das ist selbst für diese Stadt der Superlative eine beachtliche Höhe. Nach und nach werden während der Fahrt die Leuchtreklamen der Kasinos und Hotels aus dem Panorama verschwinden, bis man ringsum vor allem das sieht, was Las Vegas vor nicht allzu langer Zeit selbst noch war: Wüste.

An alte Zeiten erinnert natürlich auch das Riesenrad selbst. Zwar lässt der Anblick des 550 Millionen Dollar teuren High Roller wenig Nostalgie aufkommen; mit seinen schlanken weißen Speichen erinnert er eher an das Vorderrad eines überdimensionalen Rennrads. Aber wie seine Vorläufer auf den Rummelplätzen der Welt wird auch er gemächlich seine Runden drehen. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt. Die aufgekratzteste Stadt der Welt entdeckt die Langsamkeit.

Das Riesenrad erlebt derzeit eine erstaunliche Renaissance. Seit in der Silvesternacht 1999 die Kabinen des 135 Meter hohen London Eye zur ersten Fahrt losruckelten, treten Stadtplaner und Touristiker rund um den Globus zu einer regelrechten Radweltmeisterschaft an. 2002 eröffnete der Sky Dream (120 Meter) im japanischen Fukuoka, 2006 der Stern von Nanchang (160 Meter) in China. Bis am High Roller die letzten Gondeln montiert sind, hält der 2008 fertiggestellte Singapore Flyer mit 165 Metern den Höhenrekord. Den Scheitelpunkt erreichen die Passagiere nach 15 Minuten, von dort sehen sie Sumatra und die malayische Südküste.

Wie Pfauen thronen die Superräder in den Skylines, kreisende Sinnbilder des reinen Vergnügens zwischen den Türmen der Werktätigen. Es ist eine uralte Technik, die da ins Extrem gesteigert wird. Schon vor vierhundert Jahren machte der britische Reisende Peter Mundy in der heute bulgarischen Stadt Plovdiv eine erstaunliche Entdeckung. Er sah Kinder, die auf der Felge eines hohen Rades kleine Sitze befestigt hatten. Die Drehbewegung gewährte ihnen eine vertikale Karussellfahrt mit dem Luxus des Überblicks. Von oben schienen sie alles zu sehen, was für ihre kleine Welt von Bedeutung war.

Nach diesem Prinzip tingelte das noch nicht so riesige Rad lange Zeit durch die Lande, als mobile Jahrmarktsattraktion. Erst im späten 19. Jahrhundert machten das Stadtwachstum und der technische Fortschritt es zum fest verankerten Wahrzeichen – Wiens zum Beispiel. Die Botschaft des 65 Meter hohen Rades im Prater zur Eröffnung im Jahr 1897: Hier sind höchste Ingenieurskunst und Lebenslust gleichermaßen zu Hause. Zu nicht weniger Ruhm brachte es das 1920 erbaute Wonder Wheel im New Yorker Vergnügungspark Coney Island, ein viel besungenes Symbol der Romantik in einer wenig romantischen Stadt.

Vom Scheitelpunkt des 165 Meter hohen Singapore Flyer sehen die Passagiere Sumatra und die malayische Südküste.

Zu zweit unterm Schirmchen in die Wolken gondeln: Hundert Jahre später hatte man das Riesenrad beinahe schon abgetan – als Inbegriff einer süßlichen Mary-Poppins-Idylle, die nur Höhenangstgeplagten etwas Nervenkitzel verspricht. Niemals stieg man im Vergnügungspark als Erstes auf das träge Gefährt, wenn da noch Achterbahn und Autoscooter warteten (außer Oma war dabei).

Mit knirschenden Holzgondeln, dem Gefühl von Zuckerwattefäden zwischen den Zähnen und einem Panoramablick auf Losbuden voller kleinkindgroßer Bären haben die rollenden Riesen der Gegenwart natürlich längst nichts mehr zu tun. 40 Menschen passen in jede Kabine des High Roller. Wer von ihnen über den Dächern von Las Vegas mit Champagner anstoßen möchte, kann sich in der eingebauten Bordlounge verpflegen.

Die neuen Riesenräder schenken nicht nur einen spektakulären Blick in die Ferne. Sie locken umgekehrt auch Schaulustige von weither an. Auf dieser Hoffnung jedenfalls beruht das Geschäftsmodell. Über 2.000 Passagiere pro Stunde kann der High Roller befördern. Die Omas und Enkel aus der Nachbarschaft allein hielten ihn nicht lange in Gang. Darum wird immer höher gebaut: Rekorde kann man vermarkten.

Oft genug zerplatzt der Traum vom Rekordrad allerdings, scheitert an Größenwahn und Geldmangel der Betreiberfirmen. Zu störanfällig die Technik, zu aufwendig die nötigen Sicherheitsvorkehrungen. Eine Bauruine blieb das für 2008 geplante Olympiarad in Peking, das 208 Meter messen sollte. Im Freizeitpark Dubai Land war eine Konstruktion mit 185 Meter Höhe vorgesehen – das Vorhaben wurde 2012 aus Kostengründen gestoppt.

Vielleicht passen Weltrekorde ja auch gar nicht zum Riesenrad. Sein Versprechen ist doch Beschaulichkeit, und die wächst nicht beliebig mit. Mary Poppins war nie in Las Vegas.

Es spricht dennoch wenig dafür, dass der Titel "Größtes Riesenrad der Welt" lange dort bleibt. In New York hat die Stadtverwaltung den Bau des New York Wheel mit einer Höhe von 192 Metern genehmigt. Noch in diesem Jahr sollen die Arbeiten am Nordufer von Staten Island beginnen. Die Vereinigten Arabische Emirate planen derweil einen großen Bruder des London Eye. Ihr Dubai Eye soll es auf 210 Meter bringen.