Mit 14 wurde er von seinem Vater gefragt, ob er ihm folgen und Kommissariatsleiter bei Leipzigs Kripo werden möge. Damals, Ende der Achtziger, stimmt André Streng spontan zu; vorher muss er aber einen Beruf lernen – Autoschlosser, das Königshandwerk der DDR. Danach ist er für die Polizei verloren. Streng wird Punk, trägt kurze Hosen auch im Winter, hohe Stiefel, einen langen Mantel und ein rotes Stirnband. "Da habe ich meinem Vater abgesagt", sagt Streng und lacht.

Er sitzt in seinem Lokal, dem Flowerpower, darin herrscht ewige Dunkelheit, kein Fenster verrät die Tageszeit. Es ist später Nachmittag, vor Streng steht eine Büchse Red Bull. An den Wänden hängen bunte Batikstoffe, ausrangierte, beleuchtete Flipperspielflächen und überall Kunstblumen. Über dem Tresen rotiert eine kleine Spielzeugkuh. Streng ist mehr als 1,90 Meter groß, die langen, dunklen Haare reichen ihm fast bis zum Po, und sein mächtiger Oberkörper steckt in einem Batik-T-Shirt. Er sieht aus wie das Mitglied einer Motorradgang in Freizeitkluft.

Das Flowerpower ist die Spätbar Leipzigs, dort trinken und tanzen jene weiter, die nicht schlafen gehen wollen, wenn die anderen Kneipen schließen. Strengs Vater war lange Chef der Sitte, er hat nicht selten die Männer der Nacht gejagt, nun ist sein Sohn einer von diesen. Was machen die Nächte mit einem?

Das Ende von Strengs Ausbildung und die Absage an den Vater fielen mit dem Untergang der DDR zusammen. Streng suchte einen Job und begann, in verschiedenen Lokalen gleichzeitig zu kellnern. Er verdiente mit Trinkgeld 2000 bis 3000 Mark im Monat, eine unfassbare Summe für einen Achtzehnjährigen, er fuhr einen BMW 5er und ein riesiges Motorrad. "Es war grandios", sagt er und grinst. Eine wilde Zeit. Über dem Eingang des "Choppers", in dem er damals arbeitete, waren Einschusslöcher, in Leipzig tobte Anfang der neunziger Jahre ein Unterweltkrieg um Discos, Drogen, Frauen. Die alte Staatsmacht war verschwunden, die neue noch nicht ganz da. Streng beobachtete seinen neuen Chef, wie der seinen Gästen entgegenschwebte, sie hofierte. Dort verstand Streng das Prinzip der Gastronomie als Bühne, bei dem der Gastgeber stets als Hauptdarsteller und Regisseur zugleich auftritt. Ein Entertainer, der seine Gäste mit Komplimenten, Zuspruch und Anekdoten unterhält. Einer, der nie für sich ist.

Da hatte Streng den Gedanken, wenn er ein eigenes Lokal hätte, kämen die Menschen zu ihm. Sie wären gezwungen, ihn gut zu behandeln, anders als einen Kellner. "Ich müsste mich nicht mehr so verkaufen." Ein paar Jahre später wurde ihm eine Kneipe in der Leipziger Südvorstadt angeboten, sie hieß Hannoversche Botschaft und gehörte dem "Paten von Leipzig" Joachim Nöske. "Ein schlimmer Laden", sagt Streng. Die erste Kneipe der Stadt, die 24 Stunden lang geöffnet war. Einmal war auch Streng dort gewesen. Vor dem Laden parkte sein Trabant mit der Aufschrift "Anti-Nazi-Pappe". Das gefiel Nöskes kahlköpfiger Skinhead-Schutztruppe nicht besonders. Damals konnte Streng fliehen.

Kurz darauf wurde ihm dieses Lokal angeboten, Nöske saß inzwischen im Gefängnis. "Es war aber klar, irgendwann kommt er wieder raus", sagt Streng. Die Hausbesitzer wollten einen Neuanfang, und Streng bekam den Laden vermietet. "Eigentlich wollte ich ein Irish Pub aufmachen", sagt er. Laut und alkoholaffin – wie er selbst. Aber das hätte wieder die alten Gäste aus der Unterwelt angezogen. Er musste sich ein Konzept ausdenken, mit dem die sich niemals wohlfühlen würden: Flowerpower – Love, Peace, Happiness. Bunt, schrill, kitschig.

Streng bat seine Eltern um Geld, die antworteten: "Nee, vergiss es!" Immerhin redete sein Vater nach der Absage von einst wieder mit ihm. Streng hatte aber 17 000 Mark von seiner Großmutter geerbt und bekam einen Brauereikredit. Er fuhr nach Amsterdam und London und deckte sich mit Plüschlampen und Batiktüchern ein. Am 2. August 1996 eröffnete er das Flowerpower, um 19 Uhr kamen die ersten Gäste, eine Stunde später war die Bar voll. Das blieb so. Damals hatte Streng keine Ahnung von Musik: "Ich kannte nicht zwei Titel von AC/DC." Es gab nur Getränke, und täglich legte ein DJ auf. Auch das ist so geblieben. Die ersten zwei Jahre arbeitete Streng 18 Stunden am Tag, machte Rekordumsätze, und seine Kneipe expandierte, bald gab es Flowerpower-Ableger in Dresden, Chemnitz, Jena, Halle, Wittenberg, Dessau und Magdeburg.