Jochen Riebel kennt sich mit Befehl und Gehorsam aus. Regelmäßig hat er nach dem Wehrdienst an Reservistenübungen der Bundeswehr teilgenommen, bis zum Oberst i. G. ist er aufgestiegen. Noch mit 60, als er im Hauptberuf hessischer Bundesratsminister war, sprang er als Urlaubsvertretung drei Wochen lang bei der 3. Luftwaffendivision ein. Einige Jahre später diente Riebel nicht mehr dem hessischen Regierungschef Roland Koch und auch nicht mehr aushilfsweise dem Bundesverteidigungsminister, sondern dem Bischof von Limburg: Er wurde in den Vermögensverwaltungsrat des Bischöflichen Stuhls berufen. Kontrollieren und gehorchen zugleich, das war sein Dienst. Nach zweieinhalb Jahren loyaler Arbeit bezeichnete Jochen Riebel im Herbst 2013 seinen Bischof wechselweise als "Lügner" oder "krank". Am vergangenen Sonntag sprach der Minister a. D. in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von regelwidrig vergebenen Aufträgen und "einem ungeheuerlichen Vorgang".

Der Vermögensverwaltungsrat des Bischöflichen Stuhls hatte im Frühjahr 2011 zum ersten Mal getagt. Neben Riebel saßen in dem Gremium der Vorstandssprecher der Josefs-Gesellschaft Theodor Michael Lucas und der Bochumer Wirtschaftsprüfer Carl-Friedrich Leuschner. Riebel und Lucas gelten als gute Bekannte des damaligen Generalvikars Franz Kaspar. Der Prälat mit doppeltem Doktortitel ist Aufsichtsratsvorsitzender der Josefs-Gesellschaft und war "persönlicher Beauftragter" des Bischofs für den Bau des neuen Hauses auf dem Limburger Domberg.

Muss man sich all diese Namen merken? Ja. Sie werden, wenn der Untersuchungsbericht der Deutschen Bischofskonferenz zu Limburg erscheint, eine Rolle spielen. Und noch andere Gremien müssten genannt werden, die mit dem Bauprojekt befasst waren oder hätten befasst sein müssen: das Domkapitel, der Diözesankirchensteuerrat, der Diözesanvermögensverwaltungsrat und vatikanische Aufseher. Gier gilt den Katholiken als Todsünde, das Kirchenrecht setzt der Großmannssucht durchaus Grenzen: Überschreiten Ausgaben die Höhe von fünf Millionen Euro, muss Rom über das Vorhaben informiert werden. Wer sich der Todsünde trotzdem hingeben will, braucht Raffinesse und diskrete Mitwisser.

Der Vermögensverwaltungsrat des Bischöflichen Stuhls arbeitete für Außenstehende zunächst geräuschlos, obwohl schon im November 2011 laut Protokoll der Generalvikar die Mitglieder darüber informierte, "dass durch die derzeit in Umsetzung befindliche umfassende Neustrukturierung der Vermögensverhältnisse des Bischöflichen Stuhls die Aufstellung eines sachgerechten bzw. vollständigen Haushaltsplanes für das Jahr 2012 zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich sei". Dem stimmte auch Riebel zu. Dass man sich damals schon nicht mehr, wie von Tebartz-van Elst bei seiner Antrittspressekonferenz in Limburg angekündigt, an dem Maßstab eines Pfarrhauses orientierte, dürfte auch ohne vertiefte Aktenkenntnis offenkundig gewesen sein. Jetzt wurde es richtig teuer. Der Bischöfliche Stuhl verkaufte 2011 Immobilien ans eigene Bistum, das komplizierte Geschäft diente einem schlichten Zweck: Es brachte Geld.

Starke Worte fand Riebel im Sommer 2012 zu einem politischen Prestigeobjekt der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Riebel saß im Aufsichtsrat des Flughafens Hahn. Ohne Kapitalerhöhung drohe dem Airport die Insolvenz, sagte er in einem Interview. Danach musste er sich einem Redeverbot wegen Rufschädigung fügen, später einigten sich die Streitparteien. In Limburg lief weiterhin alles harmonisch.

Erst im Oktober 2013, als Medien längst an den vom Bistum bekannt gegebenen Kosten zweifelten, kritisierte der Vermögensverwaltungsrat des Bischöflichen Stuhls öffentlich Franz-Peter Tebartz-van Elst. In einer Mischung aus Weinerlichkeit und Kasernenhofton tat der gestandene Politiker Riebel kund, dass er sich von dem juvenilen Geistlichen getäuscht fühlte. Er sei schließlich nicht "in den Vermögensverwaltungsrat der Mafia in Palermo" berufen worden. "Ich bin davon ausgegangen, dass sich ein Bischof wie ein Ehrenmann verhält." Er habe vertraut.

"Vertraut" dürfte untertrieben sein. Treue und Gefügigkeit wäre das passendere Wortfeld. Tebartz war als Arbeitgeber umgeben von vielen Ergebenen. Einige haben sich unter Schmerzen von ihm gelöst, manche Getreue sehen ihn bis heute als naives Opfer einer Verschwörung. Der Bischof habe nichts von der Kostenexplosion gewusst, er sei selbst erschrocken gewesen von den 31 Millionen, versichert ein ehemaliger Mitarbeiter. Immer wieder fällt der Name von Generalvikar Kaspar. Der wüsste gewiss viel über Entscheidungsprozesse und Geldflüsse. Doch zu einem Interview ist er bislang nicht bereit.

Inzwischen wurde von interessierter Seite das Gerücht gestreut, der Untersuchungsbericht – der nach jüngsten Informationen, die der ZEIT vorliegen, erst im März veröffentlicht wird – werde nichts Relevantes gegen den Bischof zutage fördern. Belegt ist das bisher ebenso wenig wie das Gegenteil. Klar ist nur, dass sich das System Limburg nicht erfassen lässt, indem nur Auftragsvergaben, Rechnungen und Gremienprotokolle geprüft werden. Es war auch ein Geflecht persönlicher Beauftragter und persönlicher Abhängigkeiten. Ein starker Glaube wie bei Jochen Riebel wird in diesem System zur Schwäche. Gerade weil alles so katholisch ist, steht schon jetzt fest: Sollten andere durch den Untersuchungsbericht mitbelastet werden, entlastet das den Mann an der Spitze keineswegs. Ein katholischer Bischof darf Diener sein oder Monarch. Aber nicht Opfer.