Manchmal wird Matthias Schweighöfer im Film aus einer Notlage gerettet, indem er rechtzeitig kollabiert: Er wird k. o. geschlagen, oder ein Unfall reißt ihn aus der Szene, ehe es für ihn menschlich bedrängend werden könnte. Der Slapstick-Gott greift ein und katapultiert ihn in die Unschuld der Besinnungslosigkeit. Nach ein paar Sekunden erwacht Schweighöfer dann wieder, steht auf, schüttelt sich und rennt weiter, auch wenn er nicht weiß, wohin: Er holt die verschlafenen Minuten nach. Er hat ja keine Zeit zu verlieren. So kommt in Schweighöfers Kino die Geschichte voran – nicht durch eine Entscheidung, sondern durch die Bananenschale, die am Boden lag.

Der bald 33-jährige Schweighöfer hat es mit diesem Rollenbild in den Rang eines Volksschauspielers geschafft: Er ist der Junge, dem das Leben zustößt und dem sein Schicksal unterläuft. Der Held, der sich weigert, zum männlichen Schlag auszuholen.

Wir sitzen im Dachgeschoss eines luxuriösen Berliner Hotels, es ist Schweighöfers bevorzugter Interview-Ort, Schnee liegt auf den schrägen Fenstern, und ich frage ihn nach seinen Film-Ohnmachten. Das ist doch im Grunde ein weibliches Bühnenverfahren: Die wehrlose Heldin rettet sich – nach innen; sie fällt in Ohnmacht, wenn es nicht mehr weitergeht.

"Ein weibliches Verfahren, vielleicht", sagt Schweighöfer. "Das liegt möglicherweise auch daran, dass ich in einer Klasse mit 28 Mädchen der einzige dicke kleine Junge war." Und dann sagt er: "Da muss ich ran, das ist auch der Punkt, wo es unangenehm wird – für mich persönlich. Ich glaube, ich muss mal wirklich eine konsequente Therapie machen. Ich bin in ’nem guten Alter, wo man noch viel retten kann."

Er sagt es mit einer hellen, nervösen Dringlichkeit, die nichts Cooles hat. Sein Tonfall ist: berlinerisch beflissen. Beflissen darin, Wärme herzustellen, den anderen gleich zu beruhigen durch die völlige Abwesenheit von Hochmut. Als wolle er sagen: Dieses Gespräch ist unser gemeinsames Projekt, Alter. Er ist kein wortkarger Lakoniker, sondern ein beredter Mann, ein Überzeuger, der Schweigen als eine Notlage empfindet, aus der man sich gemeinsam befreien muss.

Schweighöfers Natur ist die Verbindlichkeit, und er hat sogar die Gabe, einen Raum verbindlich zu betreten. Seine Stimme schwingt im leicht heiseren Berliner Aufrichtigkeitston, der am wirkungsvollsten ist mit gerunzelter Stirn: Wirklich wahr, kein Scheiß jetzt!

Er ist der Chef einer Firma, aber wenn er am Telefon mit seinen Leuten spricht, tut er es so freundlich, als gäbe er nur die Wünsche einer höheren Instanz weiter – als sei er der Bote des wirklichen Chefs.

Drei Volksschauspieler haben sich in den letzten Jahren im deutschen Kino etabliert, drei Männer, die mächtige Filmunternehmer sind, Produzenten, Regisseure, Hauptdarsteller, und deren Machtfülle vor 15 Jahren noch undenkbar war: Bully Herbig, Til Schweiger und Matthias Schweighöfer. Von den dreien ist Schweighöfer der Jüngste und doch, esoterisch gesprochen, die älteste und reinste Seele – der Junge, der ein guter Mann sein will. Der Junge, der aus Klugheit nicht alt wird: weil es in der Welt der Alten, wie er sie kennt, keine Verbindlichkeit gibt.

In seinen Filmen wirkt er immer, als habe er leicht erhöhte Lebenstemperatur, er friert leicht. Er ist das Gegenteil des in den Tag hinein lebenden Komödienhelden aus der 1968er Zeit (siehe Werner Enke in Zur Sache Schätzchen): Schweighöfer hat immer ein Projekt am Laufen, muss was ausbügeln, steht irgendwo in der Kreide, arbeitet sich an einer alten Geschichte ab, muss eine geliebte Frau retten. Da trifft er sich mit dem phänotypisch und stimmlich verwandten Sänger Tim Bendzko: auch der will noch schnell die Welt retten (wenn’s auch vorerst nur die eigene ist), ehe er Feierabend macht.

Denn wenn er’s nicht macht, wer soll es denn dann sonst machen? Schweighöfer ist ja meist der einzig verlässliche Empatiker im ganzen Film: Er weiß, wie die anderen sich fühlen. Er hat das Gesicht eines Jungen; aber sein Stirnrunzeln ist das eines Vaters.