Es gibt ein Bild vom deutschen Arbeitsmarkt, das vor allem Gewerkschafter und Linkspolitiker gerne malen: Darauf sieht man Wachleute, Friseurinnen und Fabrikarbeiter, die Tag für Tag hart arbeiten und trotzdem auf Hartz IV angewiesen sind. Daneben stehen Chefs, die gnadenlos die Löhne drücken und ihren Angestellten zurufen: Holt euch den Rest doch vom Staat! Und mittendrin schaut ohnmächtig der Steuerzahler zu, wie sein Geld benutzt wird, um Dumpinglöhne zu subventionieren. Viele Menschen glauben, dass das tatsächlich ein getreues Abbild der Wirklichkeit ist. Und vor allem wegen dieses Bildes verlangen sie empört den Mindestlohn. Wer arbeitet, muss von seinem Lohn auch leben können!

Doch das düstere Gemälde ist ein Zerrbild. Die Realität sieht anders aus, das belegen neue Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Die aktuelle Arbeitsmarktpolitik zielt auf das falsche Problem.

Rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland sind erwerbstätig und gleichzeitig Hartz-IV-Empfänger. Diese Zahl sorgt seit Jahren für Schlagzeilen und Empörung. Sie ist nicht falsch, aber ihre Interpretation meistens schon. Denn die wenigsten dieser Aufstocker sind voll berufstätig, so wie man sich das vorstellt. Die allermeisten arbeiten nur wenige Tage in der Woche oder nur wenige Stunden pro Tag. Sie haben einen Teilzeit- oder noch öfter sogar bloß einen Minijob. Ihr Stundenlohn mag niedrig sein, aber dass eine Teilzeitstelle zum Leben reicht – das wird auch mit einem Mindestlohn schwierig.

All das zeigen neue Statistiken jetzt noch genauer als vorher. Lässt man Lehrlinge einmal außen vor, deren Ausbildungsentgelt seit jeher niedrig liegt und für die der Mindestlohn auch nicht gelten soll, gibt es gerade mal 187 000 Vollzeit-Aufstocker. Von diesen wiederum bekommen viele schon Stundenlöhne von mehr als 10 Euro. Sie sind dennoch bedürftig, weil sie eine Familie haben, für die ihr Gehalt nicht reicht. Das belegen frühere Untersuchungen. Mit anderen Worten: Die massenhafte Ausbeutung der Arbeiter und des Steuerzahlers findet offenbar nicht statt. Oder zumindest ist dieses Phänomen weitaus kleiner als gedacht. Das stärkste Argument für den Mindestlohn entpuppt sich als eher schwach.

Man kann den Mindestlohn trotzdem fordern, weil man Löhne unterhalb einer bestimmten Grenze einfach für unwürdig hält. Oder weil eine vorsichtig eingeführte Lohngrenze helfen könnte, die Einkommen am untersten Ende etwas zu stabilisieren. Aber die Aufstocker werden nicht verschwinden. Die meisten von ihnen haben zu wenig Arbeit.

Und genau das ist auch nach wie vor das größte Problem am deutschen Arbeitsmarkt: Es fehlen noch immer massenhaft Stellen. Trotz aller Erfolge. Fast drei Millionen Menschen haben keinen Job. Rechnet man die in Beschäftigungsmaßnahmen versteckten Erwerbslosen dazu, kommt man sogar auf vier Millionen. Nach wie vor gibt es in weiten Teilen des Landes, im Osten, in Bremen, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen, erdrückend viele Menschen ohne Broterwerb. Sie werden nur deshalb nicht mehr wahrgenommen, weil es früher noch schlimmer war und es in anderen EU-Ländern noch schlimmer ist. Aber verschwunden ist die Arbeitslosigkeit nicht. Auch wenn in den Talkshows keiner mehr über sie redet.

Es wäre besser, die Prioritäten zu überdenken: Millionen Menschen, die Masse der Aufstocker eingeschlossen, fehlt es schlicht an Arbeit und deshalb an Arbeitslohn. Es ist daher leichtfertig, wenn im linken Spektrum viele sagen, der Mindestlohn solle ruhig noch höher sein, um die Jobs, die das womöglich koste, sei es nicht schade. Auch die Bundesregierung macht es sich zu leicht, wenn sie glaubt, mit neuen Lohnvorgaben und neuen Rentenabgaben (die Arbeit verteuern) würde sie das Wichtigste schon anpacken. Was tut sie, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen? Wenig bis nichts.