Als Festival des Diebstahls, der Korruption und der Vetternwirtschaft werden diese Olympischen Winterspiele in Russland und anderswo bezeichnet, als größter Betrug in der Geschichte Russlands, vielleicht sogar der ganzen Menschheit. Die vielen negativen Stimmen konnte Präsident Wladimir Putin nicht unbeantwortet lassen. Und seine Antwort – in einem Interview mit russischen und ausländischen TV-Journalisten am 17. Januar – war tatsächlich bemerkenswert. Der erstaunten Weltgemeinschaft verkündete er, die Kosten der Spiele beliefen sich auf 214 Milliarden Rubel. Bei einem Umrechnungskurs von 33 Rubel pro US-Dollar seien dies bescheidene 6,5 Milliarden US-Dollar (4,5 Milliarden Euro) – genauso viel, wie für die Spiele von Vancouver ausgegeben wurden und wesentlich weniger als für den APEC-Gipfel in Wladiwostok oder die Universiade in Kasan.

Die zweite verblüffende Nachricht: Aus Sicht des Präsidenten hat es in Sotschi keine Korruption gegeben: "Bisher sehe ich keine wirklichen Korruptions- erscheinungen. Die Frage der überzogenen Budgets für einzelne Gebäude steht natürlich im Raum. Doch das sind Folgen der Bauarbeiten, mit Korruption hat das nichts zu tun."

Kann das stimmen? Beginnen wir mit den Kosten. Bei der IOC-Hauptversammlung in Guatemala-Stadt, auf der die Spiele vergeben wurden, erklärte Putin am 4. Juli 2007: Russland werde in die Vorbereitung zwölf Milliarden Euro investieren.

Erfahrungsgemäß fallen die Kosten für Olympische Spiele am Ende meist doppelt so hoch aus wie zu Beginn der Bauplanung. So war es in Vancouver, London und Peking. Putin aber will nun von den geplanten zwölf Milliarden nur die Hälfte ausgegeben haben – man hat also angeblich Geld gespart! Ich frage mich: Wer außer Putin selbst und vielleicht noch dem Vizepremier Dmitri Kosak, in dessen Verantwortung die Vorbereitung der Spiele liegt, kann das glauben?

Um zu verstehen, dass die von Putin genannte Zahl von 6,5 Milliarden Dollar eine reine Lüge ist, genügt es, einige frühere offizielle Verlautbarungen russischer Regierungsvertreter näher zu studieren. Es ergibt sich folgendes Bild: Zur Vorbereitung und Durchführung der Spiele wurde auf Erlass des Präsidenten eine staatliche Kommission eingerichtet, deren Vorsitz Dmitri Kosak übernahm. Erst im Februar 2013 trat diese Kommission zu ihrer ersten Sitzung zusammen. In den offiziellen Unterlagen, die den Sitzungsteilnehmern vorgelegt wurden, wird der voraussichtliche Finanzierungsaufwand zum 1. Januar 2013 auf 1 525 900 000 000 Rubel (ca. 50 Milliarden US-Dollar) veranschlagt. Von dieser Summe waren zum selben Zeitpunkt bereits 74,5 Prozent (circa 42 Milliarden US-Dollar) ausgegeben worden. Die Olympischen Spiele von Sotschi sind somit die teuersten in der Geschichte der Menschheit – obwohl es sich um Winterspiele handelt, die in der Regel wesentlich weniger Kosten verursachen als Sommerspiele.

Die schockierende Zahl hat meinen Kollegen Leonid Martynjuk und mich dazu bewegt, einen Bericht mit dem Titel Olympische Winterspiele in den Subtropen zu verfassen, in dem wir genau aufschlüsseln, wofür Gelder ausgegeben werden und wer sie ausgibt. Finanzielle Mittel erhalten haben: die für den Bau der Sportanlagen zuständige Staatsholding Olimpstroi, die Russischen Eisenbahnen, Gazprom, Sberbank, die Region Krasnodar sowie weitere staatliche Großunternehmen und Strukturen. Als Privatinvestoren traten Firmen der Oligarchen Oleg Deripaska und Wladimir Potanin in Erscheinung, die sich dafür jedoch – ebenso wie Sberbank und Gazprom – mit Krediten und Garantien der staatlichen VEB-Bank absicherten.

Laut Regierungsverordnung Nr. 741 vom 5. September 2011 hat allein Olimpstroi aus dem Staatshaushalt 303 Milliarden Rubel erhalten, also deutlich mehr als die von Putin genannte Summe. Pikant dabei ist, dass diese 303 – also nicht 214 – Milliarden seinerzeit von Putin selbst freigegeben wurden: Die Regierungsverordnung Nr. 741 trägt seine Unterschrift.

Olimpstroi ist jedoch nicht der einzige Konzern, der Geld für den Bau olympischer Objekte erhalten hat. Die Russischen Eisenbahnen etwa verbuchen mit 264 Milliarden Rubel (für den Bau der neuen Zugstrecke Adler–Krasnaja Poljana) den größten Einzelposten. Hierbei handelt es sich um offizielle Angaben, die der Zeitung Nowaja Gaseta zu entnehmen waren. Sie haben sicher bemerkt: Auch diese Summe übersteigt die von Putin genannten 214 Milliarden bei Weitem.

Für den Bau weiterer olympischer Objekte hat sich Arkadi Rotenberg, ein Freund Putins, für seine Firmen 229 Milliarden Rubel gesichert. Allein diese Summe übersteigt bereits die Gesamtkosten der Spiele von Vancouver – eine Tatsache, die Rotenbergs Firmen übrigens unverhohlen in ihren Jahresberichten erwähnen.Der Geschäftsmann hat also mehr staatliche Mittel in Anspruch genommen, als nach Meinung des russischen Präsidenten für die gesamten Spiele ausgegeben wurden.

Anders als von Putin und Kosak verlautbart, stammen fast hundert Prozent des Olympia-Geldes (mehr als 50 Milliarden US-Dollar) aus staatlichen Quellen. Dabei handelt es sich entweder um Mittel aus dem Staatshaushalt, um Gelder von Staatsholdings oder um Ressourcen von Aktiengesellschaften, bei denen der Staat Mehrheitseigner ist. Private Investitionen wurden überwiegend durch Kredite der VEB-Bank abgedeckt. Da sämtliche olympischen Bauten als verlustbringend einzustufen sind, ist nicht damit zu rechnen, dass diese Kredite je zurückgezahlt werden. Somit bleibt auch auf diesen Kosten letztlich der Staat sitzen. Inzwischen hat Putin bereits einen Beschluss unterzeichnet, demzufolge sämtliche Verluste, die der VEB-Bank aus diesem olympischen Schildbürgerstreich entstehen, aus dem föderalen Haushalt beglichen werden sollen. Insgesamt hat die Bank Kredite in Höhe von 240 Milliarden Rubel erteilt – erneut mehr als der von Putin genannte Betrag.

Alle Auskünfte des Präsidenten zur Finanzierung der Spiele sind ein dreistes Lügengebilde, das jeglicher Grundlage entbehrt. Wenn Beamte wie Kosak behaupten, 1,5 Billionen Rubel seien für die Entwicklung der Infrastruktur bestimmt – wie erklärt sich dann, dass allein Olimpstroi 303 Milliarden erhalten hat, obwohl es doch für Infrastrukturprojekte gar nicht zuständig ist? Warum versucht Putin, die Öffentlichkeit Russlands und der Welt bewusst hinters Licht zu führen? Ich bin überzeugt: Hinter diesem Betrug steht die Absicht, den sich häufenden Korruptionsvorwürfen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nach dem Motto: Ist der Preis niedrig, kann es keine Bestechung geben. Dass dabei schlichtweg falsche Summen ins Spiel gebracht werden, spielt keine Rolle. Angesichts der Kontrolle, die der Staat in Russland über das Fernsehen und die großen Massenmedien ausübt, dürfte dies kaum jemandem auffallen.

In unserem Bericht vergleichen wir die Kosten für Sotschi 2014 mit den Ausgaben, die in anderen Ländern für vergleichbare Sportstätten und Infrastrukturprojekte angefallen sind. Hieraus ergibt sich, dass Putins Objekte 2,5-mal teurer sind als der Weltdurchschnitt. Die Spiele in Sotschi sollten also eigentlich nicht 50, sondern 20 Milliarden Dollar kosten. Die Differenz, also ganze 30 Milliarden, versickert in Vetternwirtschaft, Schmiergeldern und anderen betrügerischen Unregelmäßigkeiten, die Putin offenbar nicht für Korruption hält. Dementsprechend ist es bislang bei keinem einzigen Strafverfahren zu einer Gerichtsverhandlung gekommen.

Die Sportanlagen, in erster Linie die Stadien, werden nach den Spielen nicht mehr genutzt. Sie alle bringen somit nur Verluste. Im Grunde sind hier milliardenteure Wegwerfbauten entstanden, die schon jetzt auf ihren Abriss warten. Einen Betrug solchen Ausmaßes hat Russland noch nie gesehen.

Aus dem Russischen von David Drevs