Schließt man die Augen, hört man für einen Moment nur das Gleiten von Schlittschuhen. Eine leise Melodie, ganz zart, als streichelten die Kufen das Eis. "Bums!"

Ein dumpfer Schlag beendet abrupt den Tagtraum. Schreie ertönen. Auf der Eisfläche sind zwei Horden kastenförmiger Monster aufeinandergeprallt. Sie tragen schwarze Helme, silberne Gitter beschützen ihre Gesichter. Wild fuchteln sie mit ihren Schlägern durch die Luft. Nur ganz langsam beruhigen sie sich wieder. An diesem Freitagabend im Januar geht es einfach um verdammt viel.

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft spielt in Ingolstadt gegen Finnland, es steht 0 : 1. Das Match ist die Generalprobe für die Olympischen Spiele, eine Niederlage wäre schlecht für die Stimmung, deshalb jetzt nur nicht zimperlich sein! Doch die Athleten, auf deren Brust der deutsche Adler prangt, sind keine wilden Monster. Hinter den Gittermasken verbergen sich junge Frauen. Manche tragen schwarzen Kajalstift und Lipgloss, sie haben ihre Haare mit pinkfarbenen Bändern zusammengeknotet, andere sind tätowiert. Sie bilden ein Team, doch an diesem Abend sind sie auch Konkurrentinnen: Alle wollen sich für einen Platz in der Olympiamannschaft empfehlen, das Turnier in Russland wird der Gipfel ihrer Sportkarriere sein.

Die Spielerinnen trainieren mit den Männern, um Härte zu lernen

Zum dritten Mal erst nehmen deutsche Eishockeyfrauen an den Olympischen Spielen teil. Die deutschen Männer haben sich nicht qualifiziert – zum ersten Mal seit 1948. Nun wollen die Frauen ihre Chance nutzen, sich aus dem übergroßen Schatten des anderen Geschlechts herauszuspielen. Dafür hätten sie sich keine größere Bühne aussuchen können als Russland, wo Eishockey nicht nur ein Sport, sondern Teil der Kultur ist – zu vergleichen mit Fußball in Deutschland.

Bisher haben die Athletinnen ihren Sport ehrenamtlich ausgeübt. Sie waren Phantomspielerinnen, weder Sponsoren noch das Fernsehen interessierten sich für sie. Am Abend der olympischen Generalprobe kauern gerade mal 50 Zuschauer frierend auf der Tribüne der Ingolstädter Eissporthalle. "Für die Öffentlichkeit existieren wir nicht", sagt Kapitänin Susann Götz. "Ich weiß, was die Mädels finanziell und zeitlich investieren. Es steckt sehr viel harte Arbeit dahinter, und es wird nicht gewürdigt. Das macht mich sehr traurig."

Die 31-jährige Studentin der Sportökonomie sitzt in der Kabine, die blonden Haare sind zerzaust, die Wangen rot und verschwitzt. 1 : 4 hat ihr Team gegen Finnland verloren. "Die Ungewissheit vieler Spielerinnen war nicht förderlich", sagt Götz. "Alle wollten noch auf den Zug nach Sotschi aufspringen. Wir haben verkrampft gespielt."

Zwei Stunden lang haben sie gekämpft, am Ende stürzten sie sich nur noch wild zwischen Puck und Gegner. Regeln und Rahmenbedingungen unterscheiden sich im Fraueneishockey (anders als im Frauenfußball) kaum vom männlichen Pendant. Die Größe des Spielfelds und der Tore, die Spieldauer von drei mal 20 Minuten, der Puck – alles gleich. Und bei besonders harten Schlägen beschleunigen auch die Frauen das Spielgerät auf bis zu 170 Stundenkilometer. Für ungeübte Zuschauer ist es nicht leicht, seine Bahn zu verfolgen. Dieses Tempo gepaart mit eleganten Körperdrehungen machen das Spiel der Frauen zum Spektakel. "Ich muss mich ständig auf neue Spielsituationen einstellen", sagt Angreiferin Susann Götz. Gerade die körperbetonten Zweikämpfe erforderten höchste Konzentration.