Jedes Mal wenn ich ins Taxi steige, ein Interview führe oder jemanden kennenlerne, frage ich mein Gegenüber: "Was magst du an Kabul?" – "Was ich mag?", fragen die meisten zurück und wirken irritiert. Dann höre ich immer das Gleiche: Die Stadt ist geschäftig, es gibt Arbeit, viele Menschen leben hier.

Nur einmal bekam ich eine andere Antwort, von einem Mitte Zwanzigjährigen: "Ich mag die Berge, die Kabul umgeben. Ich sitze oft ganz still dort und lausche den Geräuschen der Stadt: Menschen, Autos, allem Möglichen. Irgendwie geben sie mir das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein. Da merk ich immer, dass ich nicht einfach von hier abhauen kann, dass ich hierbleiben will."

Ein Freund hat versprochen, mir diese Berge zu zeigen. Ich sitze in einem Jeep, es ist fünf Uhr morgens. Die Straßen sind frei, bis zum Stadtrand brauchen wir kaum zehn Minuten. Wir parken das Auto und gehen einen kleinen Berg hinauf. Viele nennen ihn den Rabbani-Hügel, weil der ehemalige Staatspräsident hier begraben liegt. Bis auf einen wurden alle, die Afghanistan seit Ende der Monarchie in den Siebzigern regiert haben, später ermordet. Burhanuddin Rabbani starb 2011 bei einem Selbstmordanschlag. Auf dem Hügel kann man ihn nicht übersehen, riesige Plakatwände zeigen sein Gesicht.

Oben angekommen, ein anderer Anblick: Der Vollmond steht noch über Kabul und beleuchtet das schneebedeckte Gebirge am Horizont. Die Straßen sind fast leer, nur hier und da schlängeln sich Lichterpaare durch die Stadt. Ich erkenne die amerikanische Botschaft, ein paar Ministerien und das Viertel, in dem ich wohne.

Kabul wurde für 500 000 Menschen geplant, inzwischen gehen selbst die konservativsten Schätzungen von knapp vier Millionen Menschen aus. Wie ein Magnet zieht die Hauptstadt Arbeitssuchende aus allen Provinzen an. Sie ist verstopft, staubig und laut. Ruhe und frische Luft sind eher selten. "Du musst dir einen Platz in Kabul suchen, an dem du dich erholen kannst", sagt mein Bekannter. "Sonst wird es zu anstrengend."

Auf dem Hügel gibt es einen Rundweg, der links und rechts mit Tannenbäumen bepflanzt ist. Ein Dutzend Leute joggen dort. Am hinteren Ende des Platzes steht ein olympischer Sprungturm. Die Russen haben ihn gebaut, er blieb während des Bürgerkriegs und der Taliban-Herrschaft unbeschädigt. Das Wasserbecken ist leer.

Ein Junge in Schneehose und Kapuzenpulli kommt den Berg hochgestapft. Ein Mann in Jogginghose läuft uns entgegen. Er führt einen Hund an der Leine – gestutzter Schwanz, abgeschnittene Ohren, ein Kampfhund. Mein Bekannter kennt ihn.

Kurze Vorstellungsrunde: Der Hund heißt Biene. Der Mann trainiert ihn und lässt ihn gegen andere antreten. Mit Glück verdient er etwas Geld dabei. "Er hat noch mehr Hunde", sagt mein Bekannter. "Auch ein paar Ziegen, einen Hahn, lauter Tiere. Außerdem kandidiert er für die Kommunalwahlen." Die beiden quatschen ein paar Minuten, dann sagt mein Bekannter: "Posier doch mit deinen Tieren für das Wahlplakat, das wär mal was anderes als immer nur Moscheen." – "Ich glaube, die Leute mögen das nicht."

Es kommen noch mehr Menschen mit Hunden, und der Mann beginnt mit dem Training. Er knotet einen Autoreifen an das Geschirr seines Hundes, dann rennen sie hin und her. Es sieht anstrengend aus, nicht nur für den Hund.

Wir schauen eine ganze Weile zu. Irgendwann stellt sich auch der Junge in Skihose zu uns. "Ich weiß wirklich nicht, was das bringen soll", sagt mein Bekannter zu ihm und lacht. Der Junge schaut ihn an. Dann sagt er, ganz ruhig: "Das siehst du, wenn der Hund dich umhaut."