"Meine Frau arbeitet im Außendienst. Sie kam mal in einen Betrieb, packte ihren Laptop aus, und als der Geschäftsführer das gesehen hat, hat er erst mal seine Belegschaft zusammengetrommelt und gefeixt: ›Guckt euch das an, ein Museumsstück!‹ "

Tino Ulbrich, Finanzbeamter in Dresden

"Als ich vor neun Jahren als Finanzbeamtin angefangen habe, mussten wir zu zweit 1.700 Fälle jährlich bearbeiten. Heute sind wir bei knapp 2.200 Fällen pro Jahr. Dieselbe Arbeit wurde einfach auf weniger Schultern verteilt. Viele Stellen wurden abgebaut oder nicht neu besetzt."

Stefanie Vogel, Finanzbeamtin aus Stuttgart

Die meisten deutschen Beamten und Staatsangestellten kosten viel Geld. Das gilt für Müllmänner, für Lehrer, für Staatsanwälte. Man muss nicht erwähnen, wie wichtig und verdienstvoll ihre Arbeit ist. Aber erst einmal ist sie ein Kostenfaktor, oft ein gewaltiger. Bei Finanzbeamten ist das anders. Sie bringen Geld. Ein durchschnittlicher Steuerfahnder sorgt für zusätzliche Einnahmen von rund einer Million Euro im Jahr. Ein einziger Fahnder. In Zeiten der leeren Kassen müssten die Frauen und Männer in den Finanzämtern die Helden der Stunde sein. Jede freie Stelle müsste sofort besetzt werden. Doch meist trifft das Gegenteil zu. Allein in Berlin wird wegen fehlenden Personals jedes Jahr ein hoher dreistelliger Millionenbetrag nicht eingezogen, schätzen Experten.

"Bundesweit haben wir für alle Steuerfälle nur 2.750 Fahnder. Dabei gibt es einen Bedarf für rund 5.000 Fahnder, das ärgert mich als Mitglied der Steuergewerkschaft. Eine Unterbesetzung von knapp 40 Prozent! Die Folge ist: Wir können gar nicht alles bewältigen, wir müssen uns auf das Wesentliche beschränken."

Gerhard Groh, Steuerfahnder aus Nürnberg und Mitglied der Gewerkschaft ver.di

"Bis zu 50 Milliarden Euro gehen dem Staat jährlich durch Steuerhinterziehung verloren. Seit Jahren monieren die Bundesrechnungshöfe, dass die Millionäre in Deutschland kaum mit einer Steuerprüfung rechnen müssen. Obwohl es in dieser Einkommensgruppe bei rund 80 Prozent der Kontrollen Beanstandungen gibt."

Aloys Altmann, Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein

"Was meinen Sie, warum die Unternehmen so gern zu uns nach Bayern kommen? Weil sie hier so selten geprüft werden. Für Bayern ist das kein Standortnachteil. Ein anderer Grund, warum es Bayern und andere Länder mit der Steuerprüfung nicht so ernst nehmen, ist der Länderfinanzausgleich. Je nach Steuerart fließen von jedem zusätzlichen Euro, den Bayern einnimmt, 60 bis 90 Prozent in den Länderfinanzausgleich. Die Beamten, die diese Steuern eintreiben, werden aber zu hundert Prozent vom Land Bayern bezahlt. Warum also sollte Bayern mehr Finanzbeamte einstellen? Damit andere Bundesländer davon profitieren?"

Gerhard Wipijewski, ehemaliger Betriebsprüfer aus Bayern und Vorsitzender der Bayerischen Finanzgewerkschaft

Wie streng die Steuern eingetrieben werden, variiert von Bundesland zu Bundesland und ist oft eine Frage des politischen Willens: So wird etwa in Hamburg ein mittelgroßer Betrieb durchschnittlich alle zehn Jahre geprüft, in Bayern nur alle 20 Jahre. Während in Rheinland-Pfalz auf eine Million Einwohner etwa 36 Fahnder kommen, sind es in Thüringen gerade mal 19. Ausgerechnet im Großraum München, wo viele Unternehmen ihren Sitz haben, ist der Personalfehlbestand besonders hoch.

"Das hat nichts mit leeren Kassen zu tun, mit Ohnmacht. Oder was glauben Sie, warum ausgerechnet in den reichen Gegenden die Finanzämter so unterbesetzt sind?"

Reinhard Kilmer, ehemaliger Steuerfahnder aus Bochum

"Vor ein paar Jahren glaubte man, die Unterbesetzung mit Computertechnik abfangen zu können. Die Rechner sollen auffällige Steuererklärungen maschinell herausfiltern. Tatsächlich aber halten sie uns auf. Der Computer schlägt oft Alarm bei Fällen, in denen ein erfahrener Beamter sofort sehen würde, dass alles in Ordnung ist. Oder der Computer lässt Steuererklärungen durchs Raster rutschen, die einem Beamten sofort aufgefallen wären. Ich würde stutzig werden, wenn ein Selbstständiger ohne Mitarbeiter fünf Jahre in Folge jeweils einen neuen Laptop bei den Betriebskosten abrechnet. Dem Computersystem fällt das nicht auf, zumindest nicht, wenn die Kosten für den Laptop eine bestimmte Höhe nicht überschreiten. Die Steuerberater wissen das natürlich. Auch alle Spendenbelege, die unter 200 Euro liegen, winkt der Computer durch. Ein gerissener Steuerzahler kann also beliebig viele Spendenbeträge unterhalb von 200 Euro absetzen, ohne dass jemand prüft, ob das auch wirklich gespendetes Geld ist. Die Maschine ist nur bei sehr einfach strukturierten Fällen nützlich. Das Steuerrecht aber ist nicht einfach. Wir sehen, dass die Maschine ständig Fehler macht, haben aber keine Zeit, diese Fehler zu beheben. Glauben Sie mir, das ist extrem frustrierend. Bei uns auf den Schreibtischen stapeln sich die Steuererklärungen, und wir kommen gar nicht mehr hinterher."

Stefanie Vogel, Finanzbeamtin aus Stuttgart

"Seit einigen Jahren vereinbaren die Vorgesetzten mit den Oberfinanzdirektionen Fallzahlen. Darin wird festgelegt, wie viele Betriebe geprüft, wie viele Steuererklärungen innerhalb eines Jahres bearbeitet werden müssen. Beamte bekommen ja alle drei Jahre eine Beurteilung, und da wird vor allem geschaut, ob die Zielvereinbarung eingehalten wurde. Gemessen wird der Prüfer nicht unbedingt an der Qualität seiner Arbeit, sondern an der Zahl der bearbeiteten Fälle. Wenn man sich an die Zielvorgaben halten will, bleiben für die Prüfung eines Kleinbetriebs nur vier oder fünf Tage Zeit – und zwar von der ersten Sichtung der Bilanzen bis zum Abschlussbericht. Natürlich geht das auf Kosten der Sorgfalt."

Gerhard Wipijewski, ehemaliger Betriebsprüfer aus Bayern

"In einem Großbetrieb kommt im Schnitt alle vier bis fünf Jahre ein Prüfer vorbei, in einem mittelgroßen Betrieb nur alle 22 Jahre, bei Kleinbetrieben alle 40 Jahre. Ein Kleinstbetrieb wie eine Imbissbude muss sogar nur alle hundert Jahre mit einer Prüfung rechnen."

Aloys Altmann, Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein

Europa steckt mitten in der Staatsschuldenkrise. Die Bankenrettungen kosteten viele Milliarden Euro, selbst im reichen Deutschland steigt die Staatsschuld jede Sekunde um 490 Euro. Gleichzeitig müssten große Summen investiert werden, etwa in Bildung und Infrastruktur. Straßen sind voller Schlaglöcher, Bibliotheken schließen, Schwimmbäder werden mit kühlerem Wasser gefüllt, das ist billiger. Allein für die dringend notwendige Sanierung der Straßenbrücken im gesamten Bundesgebiet werden 17 Milliarden Euro benötigt. Würde der Staat jedoch die 50 Milliarden Euro eintreiben, die ihm jährlich durch Steuerhinterziehung entgehen, hätten Bund und Länder seit 2011 keine neuen Schulden mehr aufnehmen müssen.