"Wir haben es hier in Berlin inzwischen häufig mit international organisierter Kriminalität zu tun, mit osteuropäischen Bauunternehmern, Autoschiebern, Schrott- und Elektrofirmen. Die handeln zum Beispiel mit Computerchips, zahlen die Umsatzsteuern nicht und schleusen damit Millionen am Staat vorbei. Oder sie operieren mit Scheinrechnungen. Es gibt in Berlin illegale Dienstleister, bei denen man packenweise unterschriebene Blankoquittungen kaufen kann. Da füllt ein Unternehmer dann nur noch aus, was er angeblich gekauft hat – und setzt den Rechnungsbetrag als Betriebsausgabe von der Steuer ab. Mit diesem Geld können beispielsweise Bauunternehmer wunderbar ihre illegalen Arbeitskolonnen bezahlen."

Ein Steuerfahnder aus Berlin

"Das Phänomen der Scheinfirmen hat drastisch zugenommen: erfundene Firmen, die erfundene Rechnungen stellen, die dann wiederum als erfundene Betriebsausgaben abgesetzt werden. Allein das Finanzamt Nürnberg verfolgt aktuell Scheinrechnungen in Höhe von 100 Millionen Euro."

Werner Stupka, Steuerfahnder aus Nürnberg

"Manche Betrüger gründen eigens eine Firma, die nur dazu da ist, fingierte Rechnungen auszustellen. Die karren dann etwa polnische Alkoholiker nach Berlin, lassen die als Gründer unterzeichnen, und zum Dank gibt’s eine Flasche Schnaps. Die Kriminellen haben sich internationalisiert, aber das Strafrecht hat nicht Schritt gehalten. Einen polnischen Staatsbürger, der hier Umsatzsteuerbetrug begeht, kann ich nicht einfach vernehmen. Bei den Polizisten geht das mittlerweile, die haben Europol. Für Steuerstraftaten gibt es so was nicht. Wir stoßen ständig an Grenzen."

Ein Steuerfahnder aus Berlin

"Selbst mittelständische Firmen haben inzwischen ausgeklügelte Steuersparmodelle, die sich über mehrere Staaten erstrecken. Auf der einen Seite kämpfen Steuerfachleute, die als Beamte meist auf sich allein gestellt sind, auf der anderen Seite international operierende Steueranwälte. Die sind optimal vernetzt, auf dem neuesten Stand der Technik und haben die Schwachstellen schon analysiert, da kennen wir noch nicht mal den Gesetzestext. Die deutsche Staatsgewalt endet an der Grenze, das wissen die. Und ehe unsere Rechtshilfegesuche beantwortet werden, vergehen oft Monate. Die Hauptwaffe unserer Gegenspieler ist die Zeit: Da werden Formalitäten beanstandet, Fristen ausgereizt, Nachfragen gestellt. Die wissen natürlich: Dauern die Ermittlungen mehr als drei Jahre, wird die Strafe bereits stark gemildert."

Gerhard Groh, Steuerfahnder aus Nürnberg

Auf der Liste der mehr oder weniger geschickten Steuersparer stehen nicht nur prominente Personen. Es finden sich auch bekannte Konzerne. Apple, Amazon, SAP: Ihnen allen wird vorgeworfen, Milliardensummen am deutschen Fiskus vorbeizumanövrieren, meist mithilfe völlig legaler Steuertricks. Auch die HypoVereinsbank und andere Geldinstitute haben den deutschen Staat mit dubiosen Aktiengeschäften um etliche Milliarden betrogen. Nach Schätzung der Deutschen Steuer-Gewerkschaft entgehen dem Staat durch solche Tricks jedes Jahr rund 160 Milliarden Euro.

"Meine Truppe wurde 2011 gegründet, um Auslandsfälle intensiv zu prüfen und internationale Steuerschlupflöcher aufzudecken. Wir beschäftigen uns primär nicht mit kriminellen Steuerbetrügern, sondern mit ganz legalen Steuerschlupflöchern. Oft erinnert mich unsere Aufgabe an das Rennen von Hase und Igel – die anderen sind meist schon da."

Stefan Flamm, Chef der Auslandsfachprüfer beim zentralen Konzernprüfungsamt in Stuttgart

"Wie will ich einen international tätigen Konzern besteuern? Wenn Sie bei Amazon.de etwas bestellen, liefert Amazon EU S.a.r.L. in Luxemburg. Amazon Deutschland tut so, als ob es nur Logistik-Dienstleister wäre, und erhält einen geringen Anteil der Rechnungssumme. Der eigentliche Gewinn landet in Luxemburg. Die dortige Firma zahlt diesen als Lizenzgebühren an eine Lizenzverwaltungsfirma irgendwo in der Welt – und diese ist natürlich steuerbefreit."

Prof. Lorenz Jarass, Steuerrechtler an der Wiesbadener Hochschule RheinMain

"Wenn ein US-Konzern in Deutschland Tochterfirmen gründet, kann er jede Menge Steuern sparen. Zum Beispiel, indem er in Deutschland eine Holding gründet, mit der er die Tochterfirmen, die ihm schon längst gehören, noch einmal kauft. Den Kredit für diesen Kauf nimmt er bei einer Finanzierungsgesellschaft auf den Bahamas auf, die ihm ebenfalls gehört. Dann muss er die Zinseinnahmen kaum versteuern, weil die Bahamas ein Steuerparadies sind. Und die Zinsausgaben kann er zweimal von der Steuer absetzen: in Deutschland und in den USA. Das ist völlig legal."

Stefan Flamm, Chef der Auslandsfachprüfer beim zentralen Konzernprüfungsamt in Stuttgart

"Viele Schwachstellen des heutigen Steuerrechts sind sehenden Auges herbeigeführt worden. Im Jahr 2000 war ich Mitglied der Kommission zur Unternehmenssteuerreform. Dort war man mehrheitlich der Meinung, das internationale Großkapital müsse man durch Steuervergünstigungen anlocken. Das war wohl der Zeitgeist, auch bei den Journalisten. Dabei hatten wir ausreichend Kapital im Land. So kam es zum Sündenfall: Die Regierung hat Schlupflöcher gebohrt, Anreize geschaffen."

Prof. Lorenz Jarass, Steuerrechtler

"Gegen die vielen Schlupflöcher können wir mit dem geltenden Recht nichts machen. Wir können in solchen Fällen nur an unsere Oberfinanzdirektion und an das Finanzministerium melden, dass wir eine neue Lücke gefunden haben, durch die dem Staat viel Geld entgeht. Dann liegt es an der Politik, das deutsche Steuerrecht anzupassen oder eventuell Abkommen mit anderen Ländern zu ändern. Doch bis so ein Gesetz oder eben ein Abkommen verabschiedet ist, können Jahre vergehen."

Stefan Flamm, Chef der Auslandsfachprüfer beim zentralen Konzernprüfungsamt in Stuttgart