Was man hier nicht sieht, ist das, was man bei der Trägerin sehen sollte: Schulterfreies Prada-Kleid, 3.500 Euro © Peter Langer

In fast allen Kollektionen dieses Sommers sieht man Schultern. Raf Simons beispielsweise hat für Christian Dior ein rosafarbenes Plisseekleid entworfen, dessen Träger diagonal zur Schulter verlaufen – also quer über die Schultern gezogen sind –, was dem ansonsten womöglich bieder erscheinenden Kleid eine mädchenhafte Verspieltheit verleiht. Miuccia Prada dagegen setzt auf ein schwarz-weiß-gelbes Band aus Baumwollstretch, das über die Brust und unter das Kleid gelegt wird. Am Ausschnitt ist das dunkelgrüne Kleid mit Pailletten und Perlen bestickt, was den Blick auf die Schultern lenkt. Auch Alexander Wang betont die nackte Schulter durch eine besonders prägnante Dekolleté-Partie: Bei seinem Entwurf für Balenciaga lenken Volants auf Brusthöhe den Blick auf die Schulter.

Warum also plötzlich diese neue Aufmerksamkeit für die Schulter? Eine Antwort findet man abseits der Alltagsmode – nämlich in der Brautmode. Heute heiratet fast jede Frau in einem schulterfreien Kleid. Früher hingegen wäre das schwer möglich gewesen: Bis in die fünfziger Jahre hinein reichten Brautkleider bis zum Boden und waren mit einem Korsett versehen, das die weiblichen Kurven hervorhob. Dies sollten zeigen, dass die Braut mütterliche Vorzüge hatte.

Mit den Jahren aber änderte sich der Stil. Betont wurden nicht mehr Brust und Kurven, sondern im Gegenteil die Schultern. Elizabeth Taylor beispielsweise zeigte bei ihrer ersten Hochzeit mit Nicky Hilton Junior im Jahre 1950 zart angedeutete nackte Schultern. Drei Jahre später tat es ihr Jacqueline Lee Bouvier bei ihrer Heirat mit John F. Kennedy nach. Das Ideal hatte sich von der Fraulichkeit zur Mädchenhaftigkeit gewandelt. Fortan wollte eine Frau besonders jung wirken – und alles andere als mütterliche Vorzüge in den Vordergrund rücken.

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Indem Michelle Obama bei der ersten Amtseinführung ihres Mannes 2009 und später bei etlichen offiziellen Auftritten schulterfreie Kleidung trug, hat sie viel zu deren Popularität beigetragen. Im Internet wird in etlichen Foren beschrieben, wie Frauen ihre Oberarme trainieren können, um so ansehnliche Schultern wie Frau Obama zu bekommen. Und somit ist auch der Oberarm-Muskel zum Objekt der Mode geworden. Auf die junge folgt die starke Frau.