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In etwa 90 (von weltweit rund 200) Ländern bekommen Frauen heute im Schnitt 2,1 Kinder oder weniger. Darunter sind nicht nur alle europäischen Nationen, sondern auch demografische Schwergewichte wie China, Brasilien und Japan. Selbst in gut ausgebauten Sozialstaaten, wo es am einfachsten ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen (wie den Niederlanden, Frankreich oder Skandinavien), bekommen die Menschen durchschnittlich nicht mehr als zwei Kinder. Insgesamt liegt die Geburtenrate aller entwickelten Staaten bei 1,6 Kindern je Frau – also deutlich unter dem Ersatzniveau.

Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in Ländern, in denen die Geburtenrate nicht mehr bestandserhaltend ist. In einigen Staaten sind die Nachkommenszahlen so niedrig, dass damit im wörtlichen Sinne kein Staat mehr zu machen ist: Japan, Südkorea, Deutschland, Portugal und Italien, die Ukraine, Rumänien, Serbien, Polen und Ungarn vermelden Fertilitätsraten zwischen 1,2 und 1,4 Kindern pro Frau. Jede Nachwuchsgeneration ist dort mindestens um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Fast überall in Europa bekommen die Menschen heute etwa ein Kind weniger als ihre Eltern und zwei weniger als ihre Großeltern. In Schwellen- und Entwicklungsländern haben Frauen sogar zwei bis drei Kinder weniger als in der Generation zuvor. In Brasilien ist die Zahl der Kinder je Frau in den vergangenen 30 Jahren von 4,3 auf 1,9 gesunken. In Bangladesch von 6,6 auf 2,3. In der Türkei von 4,2 auf 2,0. In Extremfällen wie dem Iran sogar von 7 auf 1,8.

Thorfinn Sangala, der auf die achtzig zugeht, ist ein typischer Altgrönländer. Seine Urururururgroßeltern, Shreemoti Dalit aus Bangladesch und Yasan Qahtan aus dem Jemen, waren 2071 auf Grönland gestrandet. Damals hatte die Regierung ein Flüchtlingskontingent von 6.000 Personen zur Besiedlung der weitgehend menschenleeren Insel aufgenommen. Ein Zyklon hatte weite Küstenteile Bangladeschs in den Golf von Bengalen gerissen und Millionen obdachlos gemacht. Im Jemen tobte ein endloser Stammeskrieg um Wasserreserven. Shreemoti und Yasan hatten sich auf der Schiffsreise von Zypern nach Grönland kennengelernt. Wenig später hatten sie nach muslimischem Brauch geheiratet.

Die Zuwanderer sprachen schnell das einheimische Inuktitut-Kreol, eine abgeschliffene Form des alten Eskimo-Grönländisch mit bengalischen, arabischen, englischen, Haussa- und Suaheli-Einsprengseln. Sie kamen aus aller Welt, und sie brachten mit ihrer Sprache ein Stück alte Heimat mit.

Gleichberechtigung, Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit – moderne Frauen wollen weniger Kinder

Für den gegenwärtigen Rückgang der Kinderzahlen in Bangladesch oder im Iran gelten die gleichen Erklärungen wie einst in den Industrienationen: Wo sich die Überlebenschancen von Kindern verbessern, können sich arme Menschen weniger Nachwuchs "erlauben", ohne ihre traditionelle Alterssicherung zu riskieren. Wo sich agrarische Lebensgemeinschaften zu Industrie- und Wissensgesellschaften transformieren, werden Kinder von einem Produktions- zu einem Kostenfaktor. Sobald die Staaten eine öffentlich finanzierte Alterssicherung aufbauen, geht ein weiterer Grund für (viele) eigene Kinder verloren. Da im Rahmen dieser sozioökonomischen Entwicklung die Einkommen steigen, verdrängt die "Konkurrenz der Genüsse" den Kinderwunsch gegenüber dem nach Konsumgütern. Und schließlich lösen sich die hierarchischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf: Wo immer Frauen Zugang zu Bildung erlangen, eröffnen sich ihnen andere Einkommensmöglichkeiten. Damit schwindet die Notwendigkeit, sich als Frau an einen männlichen Versorger zu binden, was traditionell am nachhaltigsten mit vielen Kindern gelang. Bildung, insbesondere für Frauen, gilt unter Demografen als das wirkungsvollste Verhütungsmittel von allen. "Der Rückgang der Kinderzahlen", schreibt der Bevölkerungsforscher Timothy Dyson von der London School of Economics, "befreit Frauen von der Haushaltsdomäne, sodass sie immer mehr ein Leben wie Männer führen können. Und Männer kriegen keine Kinder."

Überall auf der Welt entwickeln sich die Gesellschaften nach dem gleichen Muster: Bildung, Wohlstand und mehr persönliche Freiheit führen dazu, dass die Menschen Kinder nicht mehr als Schicksalsfügung hinnehmen, sondern sie beginnen, ihre Familien zu "planen". Ab einem bestimmten Bildungsstand gehören zu solchen geplanten Familien im Schnitt weniger als zwei Kinder. Dann wird aus der Bevölkerungsexplosion eine Implosion.

Exponentielles Wachstum muss man sich wie den Zinseszins einer Bank vorstellen. Es beschleunigt sich dadurch, dass der prozentuale Zuwachs stets gleich bleibt, aber die Basis immer größer wird. Oder wie einen Seerosenteich: Verdoppelt sich die Zahl der Pflanzen in dem Gewässer täglich, bemerkt man lange Zeit nichts vom Wachstum. Irgendwann aber ist der Teich halb zugewachsen. Und dann dauert es nur noch einen einzigen weiteren Tag, und er ist komplett überwuchert.