© DIE ZEIT

Negatives exponentielles Wachstum funktioniert genauso, bloß umgekehrt: Aus einem anfänglich schleichenden Bevölkerungsrückgang wird ein sich selbst verstärkender Schrumpfungsprozess. Wo wenige Kinder geboren werden, wachsen nur wenige potenzielle Eltern heran. Diese wiederum bekommen genauso wenige Kinder wie ihre Eltern, und so setzt sich der Rückgang fort. Die Nachkommen müssten drei oder vier Kinder haben, um diesen Prozess aufzuhalten. Aber das ist in entwickelten Staaten höchst unwahrscheinlich. Ende der 1960er-Jahre bekamen die Frauen im globalen Mittel fünf Kinder. Heute sind es nur noch 2,5. Auch die Wachstumsrate der Menschheit hat sich seither von 2,1 auf unter 1,2 Prozent fast halbiert. Dies bedeutet noch nicht automatisch ein Ende der Bevölkerungszunahme: zum einen werden die Menschen älter, bleiben also länger Teil der Weltbevölkerung. Zum anderen geht das heutige "niedrige" Wachstum von einer Basis von 7,2 Milliarden Menschen aus und damit von mehr als doppelt so vielen Individuen wie in den 1960er-Jahren. Der große Dampfer Weltbevölkerung, der lange mit voller Fahrt unterwegs war, hat einen sehr, sehr langen Bremsweg. Bis er zum Stehen kommt, dürften noch ein paar Jahrzehnte ins Land gehen. Aber dass er es tun wird, gilt als sicher.

Die bekanntesten Schätzungen für die künftige Zahl der Menschen stammen von der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen. Sie beinhalten meist drei Varianten, um Entwicklungsoptionen aufzuzeichnen. In den jüngsten Schätzungen gehen die UN in ihrer mittleren Variante davon aus, dass sich 2050 etwa 9,6 Milliarden Menschen den Globus teilen – 2,4 Milliarden mehr als 2014. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts dürfte das Bevölkerungswachstum ein Ende haben. Viele der heute existierenden Erdenbürger können also erleben, wie das Bevölkerungswachstum seinen Scheitelpunkt erreicht.

Weitergehende Prognosen über 2050 hinaus sind mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Dennoch haben die Vereinten Nationen vor einigen Jahren erstmals einen weiten Blick bis ins Jahr 2300 gewagt. Die Demografen nehmen dabei an, dass sich das Leben der Menschen immer weiter verlängert, sodass sie bis 2300 im weltweiten Mittel 96 Jahre alt werden. Und dass in allen Ländern nach und nach die Kinderzahlen zunächst unter das Ersatzniveau fallen, sich dann aber auf einen Wert von 2,05 Kindern pro Frau einpendeln (das wäre unter den dann noch besseren Lebensbedingungen das neue Ersatzniveau). Bei diesem mittleren Szenario würde die Zahl der Menschen zu Beginn des 22. Jahrhunderts auf einem Niveau von etwa neun Milliarden verharren.

Alternativ haben die UN-Forscher noch ein hohes und ein tiefes Szenario berechnet: Die hohe Variante geht davon aus, dass sich die Kinderzahlen nach 2100 in allen Ländern bei einem Wert von 2,35 je Frau (dem heutigen Wert von Argentinien) einspielen, die niedrige Variante geht von 1,85 aus (dem Wert von Dänemark). Im ersten Fall leben 2300 rund 36 Milliarden Menschen auf der Erde – also fünfmal so viele wie heute. Im zweiten Fall schrumpft die Weltbevölkerung bis 2300 auf 2,3 Milliarden – also auf nicht mal ein Drittel des heutigen Wertes. Danach würde sich die Menschheit bis 2550 nochmals halbieren und damit auf den Stand des Jahres 1850 fallen.

Anno 2297, sieben Generationen nach der Zuwanderung der ersten Neugrönländer, macht die Urbevölkerung aus Kalaallit-Nachfahren noch zwei Prozent der Einwohner aus. Auch sonst hat sich Grönland verändert – die Insel ist Grünland geworden. Während die globale Mitteltemperatur seit der Jahrtausendwende um 4,6 Grad angestiegen ist, hat Grönland eine Erwärmung um über 9 Grad hinter sich. Die Insel hat zwei Drittel ihres Eispanzers aus dem 20. Jahrhundert verloren – knapp zwei Millionen Kubikkilometer. Die Pegelstände der Weltmeere sind um viereinhalb Meter gestiegen. Für Grönlands Küstenstädte ist das kein Problem, denn trotz höherer Meeresspiegel entfernen sie sich immer weiter vom Strand. Grönland gilt als "Aufsteigerinsel", weil die drückenden Gletscherlasten immer geringer werden und sich die befreite Landmasse langsam aus dem Nordatlantik hebt. Geologen sagen voraus, dass dieser Prozess noch Jahrhunderte andauern wird.

Auch andernorts hat der Klimawandel das Gesicht des Planeten stark verändert. Weder die Malediven noch Sylt erleben das Jahr 2297. Auch viele der küstennahen Megastädte des 20. Jahrhunderts waren nicht zu halten; Shanghai, Tokio, New York, London verloren Stadtteil um Stadtteil. Am stärksten betroffen waren jene Städte, die im chinesischen Wirtschaftswunder der Jahrtausendwende am Chinesischen Meer aus dem Boden schossen.

Dennoch haben die Erdenbewohner von 2297 kaum noch Probleme mit dem Klimawandel. Das liegt daran, dass es nur knapp vier Milliarden von ihnen gibt. Nicht nur in Europa, überall waren im 21. Jahrhundert die Kinderzahlen gesunken, sodass die Weltbevölkerung das Wachstum einstellte. Die Vereinten Nationen hatten am 9. Oktober 2083 den neugeborenen Yousouf Arabagh aus Kano, einem nördlichen Teilstaat des früheren Nigerias, symbolisch zum Erdenbürger Nummer 9 173 391 677 erklärt – und damit zum letzten Kind, das zum globalen Bevölkerungswachstum beiträgt.