Sie sitzen bei Starbucks und planen die Revolution. "Manchmal denke ich: Wenn ich doch nur ein Gewehr hätte", sagt Sulak Pinsri und streicht ihr rot gefärbtes Haar zurück. "Wenn ich mein Leben geben könnte, um ihn zu stoppen."

Es ist Samstagabend, der Tag vor der Parlamentswahl, und auf den Straßen Bangkoks wird geschossen, als sich Sulak Pinsri, 46, und ihr bester schwuler Freund K. einen Eiskaffee bestellen. Die beiden erinnern eher an Figuren aus Sex and the City als aus Panzerkreuzer Potemkin : Sie arbeitet in der Werbe-, er in der Modelbranche, und bis vor ein paar Jahren war ihnen Politik "ziemlich egal". Sulak fuhr zum Klettern in den Norden und zum Fallschirmspringen nach Bali. Die Regierungen kamen und gingen, "sie waren korrupt, doch ich kümmerte mich nicht darum", sagt K., "ich wollte vor allem gut aussehen".

Jetzt aber sind sie wütend. Deshalb wird Sulak morgen demonstrieren gehen. Gegen Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra und gegen die Wahl, weil bei den Wahlen doch immer die anderen gewinnen. Die Ärmeren, die so viele sind. "Ich will nicht sagen, dass sie ungebildet sind", sagt Sulak, "doch wir sind Stadtmenschen und gebildet." Die vielen aber, und das ist das Problem, wählen immer ihn. Und unter denen, die ihn wählen, ist ausgerechnet auch ihr jüngerer Bruder Sukho.

Anfangs, als er abends immer lange ausblieb, glaubte sie, er habe eine Geliebte. Dann aber entdeckte sie die Poster der Gegenseite in seinem Zimmer. Vor vier Jahren dann, sie schauten gemeinsam Nachrichten, kam es zum großen Streit. Sie schrien sich an, bis die Mutter hereinkam und beinahe weinte. Seither haben sie fast kein Wort mehr miteinander gewechselt, obwohl sie unter einem Dach leben. "Früher war er ein lustiger einfacher Kerl. Doch seit er sein Anhänger ist, hat er sich verändert", sagt Sulak.

Er, das ist der Mann, der seit Jahren Thailand spaltet. In Reich und Arm, in die Hauptstadt und den Süden einerseits und den Norden und Osten andererseits. Man liebt ihn oder hasst ihn, dazwischen gibt es nicht viel: Thaksin Shinawatra, den chinesischstämmigen Thai, der durch sein Medienimperium zum Supertycoon aufstieg. Den die Elite zum Retter erkor, als das Land unter den Folgen der Asienkrise von 1997 litt, weil sie damals genau so einen brauchte: einen Manager, einen Macher, einen Politiker neuen Typs. 2001 wurde er zum Premierminister gewählt.

Die Elite hatte geglaubt, dass er sich an die Regeln halten würde: Offiziell ist Thailand seit 1932 eine konstitutionelle Monarchie, hinter der demokratischen Fassade aber lebt der Feudalstaat weiter, herrscht ein Netzwerk von einflussreichen, königsnahen Familien. Es ist die Welt der Hinterzimmerdeals, der sorgsam verhandelten Machtbeteiligungen. Und man hätte Thaksin ja erlaubt zu herrschen, wenn er nur eines nicht getan hätte: die Elite herauszufordern und mit ihr das ganze System. Thaksin aber, machthungrig und klug, wagte genau das: Er warb um die Armen auf dem Land und öffnete das politische System für sie.

Allerdings versuchte auch er, sich zu bereichern. "Die anderen haben ihre Korruption mehr versteckt", sagt K. "Er aber machte es so offensichtlich, du musstest es merken, selbst wenn du dumm warst." Thaksin wolle den Staat nach seinem Gutdünken formen, "die Nummer eins sein, so etwas wie ein König". Nichts könnte K., den überzeugten Royalisten, wütender machen. "Er kennt einfach seinen Platz nicht."