Der ukrainische Präsident taktiert gern. Er macht an einem Tag Zusagen und nimmt sie am nächsten wieder zurück. Er spielt auf Zeit, denn Entscheidungen sind nicht seine Sache. Aber in diesen Tagen spürt Viktor Janukowitsch Druck von allen Seiten. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier droht mit Sanktionen, die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton macht Angebote, und am Freitag fliegt Janukowitsch nach Sotschi und wird dort mit Wladimir Putin sprechen.

Janukowitsch kann nicht mehr lange auf Zeit spielen. Er muss sich entscheiden.

Denkbar sind zwei Szenarien: Janukowitsch greift hart durch. Oder aber er lässt sich auf Neuwahlen ein und ihm gelingt ein Abgang, bei dem er das Gesicht wahren kann.

Im ersten Szenario lässt Viktor Janukowitsch die Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew und in den westlichen Städten der Ukraine niederschlagen. Das Szenario ist nicht auszuschließen: Vergangene Woche mischte sich das Militär ein und forderte den Präsidenten auf, endlich zu handeln, damit die instabile politische Lage beendet werde. Hinzu kommt der Druck aus Russland, das zwar während der Olympischen Spiele keine Eskalation will, aber die Proteste missbilligt. Wladimir Putin hat bei seinem jüngsten Besuch in Brüssel seine Sicht dargelegt: Was sich in der Ukraine abspiele, sei Ergebnis einer rassistischen und nationalistischen Aufwiegelungskampagne von Teilen der Opposition. Und weil der Machtkampf noch nicht entschieden ist, hat Putin die nächste Tranche des 15-Milliarden-Kredits vorerst nicht ausgezahlt, den er im Dezember der Ukraine zugesichert hatte.

Janukowitsch selbst hat ein gewaltsames Eingreifen ausgeschlossen. Aber Misstrauen ist angebracht. Zu den brutalen Übergriffen der Staatsmacht auf Demonstranten hat er geschwiegen, sie wahrscheinlich zustimmend toleriert. Allerdings wäre der Preis einer Niederschlagung der Proteste sehr hoch. Die Demonstranten auf dem Maidan sind gut organisiert. Janukowitschs Sondereinsatzkräfte müssten sie niederringen. Radikale Splittergruppen wie "Gemeinsame Sache" oder "Rechter Sektor" würden mit Gewalt antworten. Und die Europäer könnten in dieser Situation nicht tatenlos zuschauen. Tatsächlich kann die EU jederzeit die ukrainischen Machthaber mit Sanktionen bestrafen, sie kann Einreiseverbote verhängen oder Konten im Ausland einfrieren. Das würde Janukowitsch und seinen Clan hart treffen.

Deshalb muss der Präsident auch über das zweite Szenario nachdenken. Zwar klebt er an der Macht, noch mehr aber hängt er an seinem Geld. Er würde alles tun, um das Vermögen seiner "Familie" zu retten. Ukrainische Nichtregierungsorganisationen wie Pepwatch und Anti-Corruption Action schätzen sein über die Jahre angehäuftes Vermögen und den Wert seiner Immobilien auf etliche Millionen Euro (siehe dazu eine Übersicht auf yanukowich.info). Sie zeichnen nach, wie Janukowitsch und Teile seiner Elite ihr Geld in einem Dickicht aus Firmen unterbringen und reinwaschen. Deshalb fordern Pepwatch und Anti-Corruption Action die EU, die USA sowie die beteiligten Finanzinstitute dazu auf, die Konten der Machthaber sowie deren Korrespondenzkonten zu sperren. Janukowitsch wird das zu verhindern versuchen – und das könnte ihm gelingen, wenn er dem politischen Druck nachgibt und seinen geordneten Rückzug antritt.

Seine Legitimation ist unwiederbringlich beschädigt. Gewiss, Viktor Janukowitsch wurde vom Volk gewählt. Doch seit seinem Amtsantritt hat er die Verfassung auf sich zugeschnitten und diese Machtfülle schamlos zum eigenen Vorteil ausgenutzt – dafür wurde er nicht gewählt. Selbst im Osten des Landes, seiner Heimat und politischen Hochburg, hadert man mit dem Präsidenten. Die Forderungen der Oppositionsführer in Kiew könnten ihm einen politischen Ausweg bieten. Sie fordern eine Rückkehr zur Verfassung von 2004: Weniger präsidiale, dafür mehr parlamentarische Macht sowie Wahlen noch in diesem Jahr. Janukowitsch könnte dann als Kandidat antreten. Sollte er verlieren, könnte er sich gewissermaßen staatsmännisch zurückziehen und an seinem Reichtum erfreuen.