Ulrich Bettermann, 67, Unternehmer aus dem Sauerland, ist ein Mann, der anpackt. Wenn er nicht im Büro sitzt, geht er auf die Jagd. Wenn es was zu feiern gibt, säuft er. Wenn seine Männerfreunde ihn um einen Gefallen bitten, können sie sich drauf verlassen: Der Uli, der ist da.

Es ist Donnerstag, vor Weihnachten, als Bettermann mit seinem Privatjet nach Ungarn fliegt. Gerade ist er auf dem Gelände seiner Firma für Gebäudeinstallationstechnik gelandet, da bekommt er einen Anruf: Hans-Dietrich Genscher, Ex-Außenminister, ist dran, einer seiner Männerfreunde. Genscher sagt: "Die Sache geht los, Uli." – "Hömma, Dieter, was geht los?", fragt Bettermann. Genscher: "Morgen um 12 Uhr soll der Chodorkowski raus aus Russland."

Bettermann war in die Sache eingeweiht, Genscher hatte ihm einige Wochen zuvor mitgeteilt, er sei kurz davor, Michail Chodorkowski, den Ex-Oligarchen und berühmtesten politischen Häftling Russlands, aus dem sibirischen Straflager zu befreien. Bettermann wusste nur nicht, wann das sein würde. Am liebsten flöge Bettermann nun selbst, er ist ein erfahrener Pilot. Das ist doch Weltpolitik! Doch er kann nicht weg. Am Abend hat er eine Weihnachtsfeier mit seinen Mitarbeitern. Am nächsten Tag will er zur Jagd. Das kann er nicht absagen. Aber einer seiner Piloten könnte ja fliegen. Bettermann besitzt eine kleine Flugzeugflotte, stationiert zwischen Dortmund und Köln, vor ein paar Jahren hat er dort einen Flugplatz gekauft. Nur: Der Pilot hat kein Visum.

Er flog mit Franz Josef Strauß und spielte mit Gerhard Schröder Tennis

Bettermann telefoniert mit Genscher. Genscher telefoniert mit Moskau. Moskau telefoniert mit Bettermann. Am nächsten Morgen um acht gibt es die Erlaubnis. Der Pilot fliegt ohne Visum, und Bettermann geht zur Jagd. Er sitzt auf dem Hochsitz. Über ein Programm auf dem Telefon verfolgt ein Mitarbeiter für ihn, wie sein Flugzeug startet. Wie es in Russland landet. Wie es nach Deutschland zurückfliegt. Zwischendurch schießt Bettermann zwei Hirsche und ein Wildschwein.

"Am Abend", sagt Bettermann, "habe ich mir richtig einen geballert."

Ulrich Bettermann liebt Geschichten. Absurd und gefährlich müssen sie sein. Und seine Promi-Freunde müssen darin eine Rolle spielen. Der Chodorkowski-Flug, das ist jetzt seine beste Geschichte. "So ein Ding zu drehen, da fängt der Spaß doch richtig an." Spaß spricht Bettermann mit kurzem a und scharfem s.

Er sitzt in seinem Büro in Menden, Sauerland, der Firmenzentrale. Trägt braunen Anzug, weißes Hemd, das über dem Gürtel leicht spannt. Er lehnt sich zurück, streckt die Beine aus, faltet die Hände vor dem Bauch. Ein Patriarch in seinem Reich.

Seine Firma ist das Zentrum des Dorfs, die Wohnhäuser reihen sich am Hang um das Gelände herum. 2.700 Einwohner hat der Stadtteil Hüingsen, 1.000 Mitarbeiter sein Betrieb. "Bettermannhausen" nennen sie den Ort. Vor 102 Jahren gründete Bettermanns Großvater hier eine Zulieferfirma für die Leuchtenindustrie der Region. Vier Jahrzehnte später, 1952, erfanden Ingenieure den Metalldübel, der ohne zu bohren in die Wand geschlagen werden kann: OBO, ohne Bohren, wurde zum Markennamen der Firma. Da war Ulrich Bettermann sechs Jahre alt.

Er ging in Menden zur Volksschule, danach verließ er die Stadt. Es gab dort kein Gymnasium, das Englisch lehrte. Englisch, sagte die Mutter, sei Weltsprache, die müsse ihr Sohn können. Bettermann zog nach Bochum, erst zur Tante, dann zu Freunden. Der Vater verbot ihm, ein Motorrad zu kaufen, er kaufte es trotzdem. Eine NSU Rixe für 20 Mark. Als die Eltern unangemeldet vorbeikamen und ihn auf dem Motorrad sahen, musste er es abgeben. Bettermann putzte das Motorrad und verhandelte so lange, bis er 30 Mark dafür bekam. Sein erstes Geschäft.