Für die Humboldt-Universität ist die Sache damit klar, sie sieht kein Problem. "Eine Abhängigkeit besteht weder im Vertrag noch in der Realität", sagt der Vizepräsident Peter Frensch. Warum die Uni überhaupt eine von Aserbaidschan finanzierte Professur angenommen hat, dazu will sich die Uni-Leitung nicht äußern. Auch zu dem, was im Umfeld des Lehrstuhls passiert und was das für das Image der Hochschule bedeutet: kein Kommentar. Ein Sprecher sagt nur: "Bisher sind keine Probleme mit der Professur an uns herangetragen worden." Wer die Puzzleteile zusammensetzt von dem, was rund um den Lehrstuhl stattfindet, bekommt ein anderes Bild. Lässt sich hier eine renommierte Universität einspannen für Autokraten-PR?

Schon die Einführung der Stiftungsprofessur war ungewöhnlich pompös: Die Uni veranstaltete dazu eine ganze "Wissenschafts- und Kulturwoche". Beim Festakt sprach die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Es gab Empfänge, zu denen das aserbaidschanische Jugend- und das Bildungsministerium sowie der staatliche Ölkonzern Socar einluden.

Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands, der Standesvertretung der Universitätsprofessoren, findet, das alles habe "ein Gschmäckle". Es sei schon fraglich, wie unter den gegebenen Bedingungen unabhängige Lehre und Forschung betrieben werden könne. "Das ist eine Gratwanderung, ein Graubereich."

Wie problematisch fremdes Geld in der Forschung werden kann, müsste die Humboldt-Uni eigentlich wissen. Vor drei Jahren geriet die Hochschule in die Schlagzeilen, weil sie gemeinsam mit der TU Berlin einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Bank geschlossen hatte, der dem Finanzinstitut weitreichende Zugeständnisse machte. So ließ sich die Bank etwa zusichern, dass Forscher des gesponserten Uni-Instituts Studien vor der Veröffentlichung zur Freigabe vorlegen.

Die Stiftungsprofessur von Eva-Maria Auch ist finanziell überschaubar. 75.000 Euro zahlt die Botschaft Aserbaidschans jährlich laut Vertrag. Das deckt gerade das Gehalt der Professorin. Nur eineinhalb Räume hat sie bekommen, keine Sekretärin. Geld für Tagungen, Publikationen oder Forschungsprojekte muss sie einwerben – unter anderem wieder beim aserbaidschanischen Staat. Verkauft, betont Auch, habe sie sich mit der Professur aber nicht.

Dass die Wissenschaftlerin aber keine Berührungsängste hat mit regimenahen Organisationen, zeigt sich an vielen Stellen. Sie sitzt im Kuratorium des Lobbyvereins Deutsch-Aserbaidschanisches Forum, der immer wieder als sehr regierungsfreundlich aufgefallen ist, etwa 2012 zum Eurovision Song Contest: Seine Broschüre mit "33 Fakten, die man kennen muss" beschreibt Aserbaidschan als mustergültige Demokratie. Im Impressum steht: "Erstellt mit freundlicher Unterstützung durch Socar".

Der Staatskonzern ist auch präsent bei Veranstaltungen, die der Lehrstuhl organisiert. Ein Abend im Dezember, vor dem Festsaal der Humboldt-Uni steht ein Socar-Aufsteller, im Saal ein weiterer. Nach der Veranstaltung zum 100. Geburtstag der Dichterin Niger Räfibäjli gibt es ein Büfett – bezahlt von Socar. Zwei aserbaidschanische TV-Sender sind da. Auch wird als Professorin der Humboldt-Uni bezeichnet. Wer sie bezahlt, wird nicht erwähnt. Im Sommer 2012 veranstaltete der Lehrstuhl die "Erste Nachwuchstagung zur Aserbaidschan-Forschung in Deutschland". Eher unwissenschaftlich sei die Veranstaltung gewesen, erinnern sich Teilnehmer, es sei viel Wert gelegt worden auf Show – was auch am Kooperationspartner liegen mag, dem Azerbaijan Student Network. Ein wichtiger Geldgeber des Netzwerks ist Socar; der Vereinsvorsitzende arbeitet dort.

Emin Milli war nie eingeladen, dabei hätte er einiges zu sagen, zur Geschichte, mehr noch zur Gegenwart Aserbaidschans. Der 34-Jährige ist Journalist, er saß in Aserbaidschan wegen seiner regierungskritischen Haltung zweimal im Gefängnis. Jetzt baut er in Berlin einen Exil-TV-Sender auf. Das Engagement Aserbaidschans an der HU passe in die Strategie von Alijew, sich als fortschrittlicher Präsident zu präsentieren, sagt Milli. Für ihn ist die Professur "Teil einer großen Propaganda für eine Diktatur".

Auch sagt, keiner würde ihr verbieten, Kritiker einzuladen. Aber wenn sie sich ständig mit Oppositionspolitikern umgeben würde, sei das der Neutralität von Wissenschaft nicht zuträglich. Sie wolle sich zu keiner "spektakulären Aktion" hinreißen lassen. Ihre Stelle läuft bis Herbst 2015. Die Botschaft Aserbaidschans behält sich eine weitere Finanzierung vor.