Die größte Koalition, die ein Politiker eingehen kann, ist die mit dem Volk. Dieses Bündnis erneuerte Horst Seehofer, als seine CSU im Herbst vergangenen Jahres mit absoluter Mehrheit in den Bayerischen Landtag eingezogen und er wieder zum Ministerpräsidenten gewählt worden war. "Koalition mit den Bürgern – das ist für mich das Fundament unserer Regierungspolitik", verkündet er seitdem. "Zuhören, verstehen, handeln, das ist mein politisches Credo", sagt er.

Was Seehofer nicht sagt: Das sympathische Versprechen der Volksnähe ist ein Regierungsprogramm mit Explosivkraft.

In Bayern leben 9,3 Millionen Wahlberechtigte. Bei jeder Sachfrage zu ermitteln, was die Mehrheit von ihnen will, ist kaum möglich. Hinzu kommt, dass die Wünsche der Bayern mit denen der Niedersachsen, der Thüringer, der Saarländer und all der anderen unter einen Hut gebracht werden müssen, jedenfalls dann, wenn es um nationale und nicht um rein bayerische Belange geht. Es ist deshalb wenig überraschend, dass Seehofer mit seiner Regierungsmaxime regelmäßig Unruhe stiftet, ganz gleich, ob es um die Autobahnmaut geht, um die Zuwanderung von Ausländern oder, wie neuerdings, um die Energiewende: das wichtigste Vorhaben der großen Koalition in Berlin, der auch Seehofers CSU angehört.

Den Planern der Stromautobahn schlägt der blanke Hass entgegen

Der Ministerpräsident, der zuweilen den Eindruck erweckt, er habe die Energiewende erfunden, behauptet zwar, er treibe das Projekt "konsequent voran". Den vermeintlichen Volkswillen und den Termin der bayerischen Kommunalwahl Mitte März vor Augen, sägt er aber längst an zwei Säulen des Vorhabens: am Ausbau der Windenergie in Bayern und an dem des Stromnetzes. Bleibt er bei seiner Linie, dann wird in Bayern nicht nur weniger Grünstrom erzeugt als bisher geplant; womöglich kann mangels Leitungen dann auch weniger Strom aus nördlichen Gefilden nach Bayern transportiert werden. Der Grüne Jürgen Trittin verdächtigt Seehofer deshalb, "klammheimlich weiter auf Atom" zu setzen.

Seehofer bestreitet das vehement. Und tatsächlich entspräche solch absichtsvolles Handeln kaum dem Regierungsstil, dem er sich verschrieben hat.

Die jüngste Volte in Sachen Energiewende richtet sich gegen eine geplante Stromleitung von Lauchstädt bei Halle nach Meitingen nördlich von Augsburg. Die "Gleichstrompassage Süd-Ost" ist laut Bundesbedarfsplangesetz "energiewirtschaftlich notwendig". Seehofer, seinerzeit ein Befürworter neuer Stromautobahnen, stimmte dem Gesetz im Bundesrat zu. Das war vor rund sieben Monaten. Doch als vor Kurzem Vertreter der für die Realisierung des bayerischen Projektabschnitts zuständigen Firma Amprion vor Ort erläutern wollten, wo auf die Bürger Frankens und der Oberpfalz die rund 70 Meter hohen Gittermasten zukommen, schlug ihnen blanker Hass entgegen: "Brutalstmögliche Opposition" nennt es ein Unternehmenssprecher.

Gegen die Trasse macht aber nicht nur der bayerische Volkszorn mobil; sie erregt auch den Unmut vieler Kommunalpolitiker. Zum Beispiel den von Willibald Gailler, CSU-Bürgermeister des Oberpfälzer Städtchens Freystadt: "Seehofer sagt, er wolle eine Koalition mit den Bürgern – das sehe ich nicht."

Schnee von gestern. Inzwischen hat der Ministerpräsident ein Moratorium für den Bau neuer großer Stromtrassen durch Bayern gefordert. Begründung: Durch die geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ändere sich auch die Geschäftsgrundlage für den Leitungsbau.

Tatsächlich hat die große Koalition in Berlin im Koalitionsvertrag die Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien etwas reduziert. Werde weniger Windstrom erzeugt, dann brauche auch weniger transportiert werden, also müsse der Netzausbau angepasst werden, so Seehofers Logik. Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigt ganz allgemein den Stromleitungsbau, fordert aber immerhin "eine zeitnahe Überprüfung". Auch die zuständige Bundesnetzagentur bestätigt den Änderungsbedarf; vermutlich lägen die Rechnungen mit den Zielsetzungen aus dem Koalitionsvertrag aber erst im zweiten Quartal 2014 vor.