Es ist nicht der angenehmste Berlinale-Moment, wenn man in einem dieser mit Filmvolk vollgestopften Hotels am Potsdamer Platz fünf Minuten lang (die sich mindestens dreimal so lang anfühlen) in einem voll besetzten Aufzug stecken bleibt. Aber wenn man dann mit einem angeheiterten Koreaner, einem schüchternen Litauer, zwei kichernden Chinesinnen und einer wahnwitzig gelifteten Amerikanerin eine sprunghafte Konversation über die Zuverlässigkeit deutscher Motorentechnik, über Klaustrophobie und die 64. Berlinale führt, lässt sich Folgendes erfahren: Das deutsche Kino sei inzwischen very, very international und Rainer Werner Fassbinder leider immer noch tot.

Spricht es für die schöne neue Internationalität des deutschen Kinos, dass die Regisseurin Feo Aladag ihren im Wettbewerb der Berlinale laufenden Film Zwischen Welten in Afghanistan gedreht hat? Wahrscheinlich schon. Aladag erzählt die Geschichte des deutschen Soldaten Jesper (Ronald Zehrfeld), der sich zum Dienst am Hindukusch meldet, obwohl dort sein Bruder bei seinem Militäreinsatz getötet wurde. In Kabul begegnet Jesper dem jungen, sanftmütigen afghanischen Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady), der die Bundeswehrsoldaten auf ihrer Mission in einem abgelegenen Dorf begleitet. Man sieht viele Fahrten der Militär-Kolonnen vorbei an Lehmdörfern und ausgiebige Aufnahmen der unfassbar schönen afghanischen Wüstenlandschaft. Schafherden laufen im richtigen Moment durchs Bild. Die Deutschen schwitzen, und die meist finster blickenden Afghanen sprechen laut und ungehalten durcheinander, wenn sich eine ihrer Kühe in einem Bundeswehrzaun verheddert hat.

Und dann gibt es, natürlich, den titelgebenden Konflikt: Jesper ist hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu seinen Männern und dem Versuch, entgegen aller Bürokratie Tarik und dessen fleißig Brückenbau studierender Schwester zu helfen, die ins Visier der Taliban geraten sind. Nie öffnet die Kamera einen visuellen Raum, der mehr erzählen würde als unsere medial geprägte Vorstellung von Afghanistan. Was man über das Land erfahren könnte, kommt unter die Räder einer so banalen wie effekthascherischen Dramaturgie. Und während sich der gute deutsche Soldat permanent die Haare rauft, erbeutet der Film wohlfeile Betroffenheit, indem er seine ohnehin dem Klischee geopferten Figuren von Talibankämpfern abknallen lässt.

Manchmal versucht das deutsche Kino, very international zu sein, indem es local bleibt. Denn man muss nicht unbedingt 6000 Kilometer weit reisen, um eine zeitgenössische Geschichte vom religiösen Fundamentalismus zu erzählen. Man kann, wie Dietrich Brüggemann in seinem Film Kreuzweg, die Kamera auch einfach in die süddeutsche Provinz stellen. Und sie auf ein pubertierendes Mädchen richten, dessen Familie nach den Geboten einer ultrakatholischen Sekte lebt. Der Konflikt zwischen alltäglichen Sehnsüchten der Pubertät – Zusammensein mit Gleichaltrigen, Musik, die Entdeckung des eigenen Körpers – und den Moral- und Schuldvorstellungen der an die Piusbrüder erinnernden Sekte wird für die vierzehnjährige Maria (Lea van Acken) fatal enden.