Es wirkt wie ein eingespieltes Ritual: hier der Produzent, dort die Journalisten. Im Laufe der Monate, in denen Nico Hofmann uns Einblicke in seinen Alltag gewährt hat, sind sie oft zu ihm gekommen. Fasziniert wie vor einem skurrilen Automaten füttern sie ihn mit Schlagzeilen. Herr Hofmann – der Untergang der Costa Concordia? Die Toten der Love-Parade? Der Fall Kachelmann, Hoeneß, Beltracchi, die Enthüllungen von Edward Snowden, das Leben der Angela Merkel? Was ist Filmstoff, was nicht?

"Auserzählt, überpubliziert, zu transparent", lauten seine häufigsten Antworten. Seltener ein Treffer: "Sind wir dran" oder "Dreh ich grad".

Nico Hofmann, 54, einer der erfolgreichsten deutschen Filmproduzenten, gilt als Durchlauferhitzer von Medienstoffen. In den Büroräumen der UFA Fiction in Berlin Charlottenburg, deren Geschäftsführer er ist, liegen vor ihm herausgerissene Artikel aus Tageszeitungen. Er hat Sätze unterstrichen, Absätze markiert, die Ränder mit Notizen vollgekritzelt. Zeitung lesen, so simpel kann das Aufspüren von Filmstoff sein, eine Besessenheit, die sich lohnt. Weit über 12.000 Euro gebe er im Jahr allein für Zeitungen, Magazine und Bücher aus, das habe ihm seine Steuerberaterin letztens vorgerechnet. Mindestens dreimal müsse die Putzfrau jede Woche zum Altpapier gehen.

Nico Hofmann kann nichts ungelesen lassen. Wo immer er ist, konsumiert und speichert er jedes einzelne publizierte Wort, das ihm in die Finger gerät. Noch nach Monaten, oft Jahren, kann er auswendig, welches Argument in welcher Spalte in welcher Zeitung stand. Von der Gala bis zum Spiegel ist er bestens über Autoren, Blattlinien, Leser- und Auflagenzahlen informiert. Wie ein Chefredakteur, der mit genauem Auge über seine Produkte wacht und der nur nebenbei auch einmal einen Film dreht. Dabei sind es unzählige. Wo andere mit einem Film pro Jahr beschäftigt sind, produziert er in derselben Zeit neun bis zehn, über 40 Produktionen bringt die UFA Fiction jährlich auf den Weg.

Durch TV-Filme wie Die Flucht (2007), Rommel (2012) und den Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter von 2013 scheint Nico Hofmann fixiert auf die NS-Zeit. Unsere Mütter, unsere Väter haben bislang 27 Millionen Menschen gesehen, der Film wurde in über 90 Länder verkauft und hat nicht nur hierzulande Debatten und Kontroversen ausgelöst. Doch Hofmann produziert auch Mittelalterstoffe (wie den aktuellen Kino-Blockbuster von Noah Gordons Bestseller Der Medicus) und TV-Serien (wie die Krimis von Donna Leon). Sein filmisches Interesse reicht weit über die Jahre des "Dritten Reiches" hinaus, auch wenn die jüngere deutsche Vergangenheit tatsächlich seine wichtigste Quelle darstellt.

Seine Methode ist die kollektive Bestrahlungstherapie

Wie flexibel dabei Zeitgeschichte, grob also: die Epoche der Mitlebenden, wie elastisch die Kategorie "Damals" definiert werden kann, zeigte er schon im letzten Jahr mit Der Minister. Die Komödie um den Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg kam genau zwei Jahre nach den realen Geschehnissen ins Fernsehen. Bei seinem neuesten Film Der Rücktritt sind wieder nur 24 Monate vergangen, seit Bundespräsident Wulff abgetreten ist. Nie zuvor wurde ein Fall während eines laufenden Prozesses verfilmt, drei Tage vor Urteilsspruch wird das Dokudrama ausgestrahlt (25. Februar 2014, Sat.1). Eine Instant-Fiktionalisierung, wie sie schneller nicht geht, eine Überlappung von Zeitebenen. Wozu die Eile?

Während der ersten Vorabvorführung von Der Rücktritt sitzt Nico Hofmann in der letzten Reihe. Hier sitzt er immer bei Premieren. Oft steht er im Kino auch im Gang neben dem Publikum, so dass er zu jeder Zeit beobachten kann, wie die Zuschauer reagieren. Hüftbreit steht er da, in Lederjacke und Kaschmirpulli, eine Hand am Kinn oder beide in den Seiten, und sieht aus wie jemand, der die anderen schon einmal das abgeschlossene Projekt feiern lässt – für seine Filmcrew ist die Arbeit getan, für ihn selbst noch lange nicht. Erst jetzt beginnt die letzte, die entscheidende Phase des Experiments.