Montag, der 3. August 1914. Höchste Zeit für letzte Grüße an Freunde und Kollegen: "Ich rücke am Donnerstag ein." Das Schreiben ist herzlich, doch kurz, denn "... nun müssen wir einmal schweigen und die Weltgeschichte reden lassen".

Der Maler Franz Marc hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und musste nun in eine Kaserne der bayerischen Feldartillerie in München einrücken. Er verbrachte also seine vorerst letzten Tage zu Hause in Ried bei Benediktbeuren: in seinem Atelier und im Garten, wo die Rehe grasten und Russi, der weiße Hirtenhund, sein Revier hatte. Erst im April waren Franz Marc und seine Frau Maria hierhergezogen, in das stattliche eigene Haus.

Unweit von hier, in Sindelsdorf, hatte Marc in den Jahren zuvor in einem kargen Atelier auf dem Dachboden seine Art der Malerei gefunden: eine neue Tiermalerei, gelbe Kühe, blaue Pferde. Die Tiere zu malen, wie sie fühlen, nicht, wie der Mensch sie sieht, das war sein Programm. Dabei bewegte er sich immer weiter hin zur abstrakten Malerei und verharrte doch im Gegenständlichen.

Der konsequente Schritt zur Abstraktion blieb seinem Freund Wassily Kandinsky vorbehalten. Mit ihm zusammen hatte er drei Jahre zuvor, 1911, die Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter" ins Leben gerufen. Die Münchner Ausstellung der Gruppe und der später veröffentlichte Almanach sorgten für Aufsehen und Skandale. Über ihre revolutionäre Malerei, geprägt von einer radikalen Freiheit der Farbe, empörten sich Publikum und Presse. "Schmiererei", "Farbgesudel", so tönte es.

Mitten in die Schaffensphase platzt der Krieg

Dem Projekt "Blauer Reiter" hielt Marc schließlich länger die Treue als Kandinsky, der sich bald wieder auf die eigene Arbeit konzentrierte. Marc hingegen wollte nicht nur als Maler etwas bewegen. In der Münchner Kunstszene wurde er allmählich zu einem wichtigen Akteur. Er schrieb Aufsätze über die kommende Kunst und knüpfte auf Reisen Kontakte, etwa zu den Malern der "Brücke" in Dresden und Robert Delaunay in Paris. 1913 beriet er Herwarth Walden bei der Vorbereitung des Ersten Deutschen Herbstsalons in dessen Berliner Galerie "Der Sturm". Es war die bis dahin umfangreichste Schau moderner Malerei in Deutschland. Neunzig Künstler wurden hier präsentiert. Franz Marc steuerte sieben Gemälde bei, darunter zwei heute legendäre Großformate, die Tierschicksale und Der Turm der blauen Pferde . Beide waren erst kurz zuvor entstanden.

Anfang 1914 kommt Marc nur wenig zum Arbeiten. Der Umzug kostet Zeit. Dann aber entstehen die ersten Bilder in Ried, darunter nun auch gänzlich abstrakte Motive: Spielende Formen, Heitere Formen, Zerbrochene Formen, Kämpfende Formen . Und es geht endlich weiter mit einem Projekt, das Marc seit Monaten schon am Herzen liegt. Zusammen mit Alfred Kubin, Paul Klee, Erich Heckel und Oskar Kokoschka will er die Bibel illustrieren. Marc selbst hat sich die Schöpfungsgeschichte reserviert. Im Juli spricht er beim Münchner Piper Verlag vor, um den Verleger für das aufwendige Projekt zu gewinnen. Mitten hinein in die Idylle in Ried und seine vielfältigen künstlerischen Aktivitäten platzen die Nachrichten vom Ultimatum an Serbien und der Befehl zur Mobilmachung.

Franz Marc zieht in den Krieg – nicht begeistert und von nationalem Hochgefühl überwältigt wie so viele, sondern geradezu aufgeräumt, ruhig. Er ist tief überzeugt von der Notwendigkeit dieses Kampfes. Wie etliche zeitgenössische Künstler und Intellektuelle überhöht er den Krieg zu einer großartigen Hoffnung auf eine "Reinigung". Der Krieg wird, so sein Mantra weit über 1914 hinaus, ein Durchgang sein, hin zu einem neuen Europa, ein "heilsamer, wenn auch grausamer Durchgang", so schreibt er im Oktober an Kandinsky, den Russen, der Deutschland mittlerweile hat verlassen müssen. Was die Revolution von 1789 für Frankreich gewesen sei, das werde dieser Krieg für Europa sein, glaubt Marc. Nur für die Dauer des Waffengangs wolle er sich mehr als Deutscher denn als Europäer fühlen. Und das könne ja so lange nicht sein ...