Tiefe Furchen sind zu erkennen. Die Oberfläche ist an manchen Stellen weggeschliffen, die Konturen der dargestellten Figur sind unterbrochen. Nicht jeder erkennt darin eine Frau. "Würde man das Sandsteinplättchen um 45 Grad drehen, sähe man einen Vulkan", sagt Babette Ludowici, Kuratorin am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Das Objekt ist in der Sonderausstellung Im Goldenen Schnitt. Niedersachsens längste Ausgrabung zu sehen.

Entdeckt wurde das 11.000 Jahre alte verzierte Stück beim Bau der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL), einer 440 Kilometer langen Pipeline von Lubmin an der Ostseeküste nach Rehden in Niedersachsen. Bevor deren Röhren in den Boden kamen, haben sich Archäologen über die Strecke hergemacht.

Eine Million Quadratmeter groß war die Fläche. Sie fanden Gräber, Gefäße, Häuser, Feuersteinklingen, Beile und eine Zierscheibe aus vergoldetem Silberblech. Aufsehen erregte der Fund eines Goldschatzes in Gessel: 117 Schmuckstücke, 1,8 kg schwer. Doch momentan sorgen nicht solche bronzezeitlichen Preziosen für Diskussionen, sondern das oben abgebildete, unscheinbare und nur fünf mal sieben Zentimeter große Stück aus Bierden, auf dem ein Steinzeitler die Konturen eines Frauenleibs verewigt hatte: frontal, mit Bauchnabel und einer Kerbe als Vulva.

Nie zuvor ist nördlich der Alpen eine vergleichbare Frauendarstellung aus jener Zeit gefunden worden. Wie aber, fragen sich die Fachleute, soll man das rare Stück bezeichnen? Zuerst kursierte – in Anlehnung an die Pipeline NEL – der Name Nelli. Bald jedoch etablierte sich der Terminus Venus von Bierden. Nun versammeln sich am kommenden Wochenende in Hannover eigens die Fachleute auf einem Podium, um zu diskutieren, wie man den "Neufund figuraler Kunst vom mesolithischen Fundplatz Bierden 31 (Niedersachsen) im Kontext steinzeitlicher Frauendarstellungen" bewerten und bezeichnen soll.

Bislang hieß fast jede Nackte aus der Urzeit gleich Venus: Venus von Willendorf, Venus von Dolní Věstonice, die zahlreichen Venusfigurinen von Gönnersdorf ... Gefertigt wurden sie aus Stein, Ton, Knochen, Rentiergeweih oder Elfenbein. Prominenteste Deutsche ist die Venus vom Hohlefels, vor 35.000 Jahren aus dem Stoßzahn eines Mammuts geschnitzt (ZEIT Nr. 21/09).

Üppige Brüste, kräftige Hinterbacken und deutlich herausgearbeitete Vulven provozierten die meisten Forscher zu Interpretationen im erotischen Kontext: portable Schmeichelsteine oder Knochennippes zur Triebabfuhr für den paläolithischen Mann? Diese Pin-up-These wird nun zunehmend infrage gestellt. Die pummelige Venus von Willendorf stellt viel eher den Körper einer Hochschwangeren dar. Nicht um Sex, um Fortpflanzung ging es wohl bei der Gestaltung. Jill Cook, Archäologin und Kuratorin am British Museum in London, interpretiert einige deutliche Darstellungen der Genitalien nicht etwa als erotische Überhöhung, sondern als schlichte Darstellung einer vergrößerten Vagina "mit geöffnetem Muttermund im Moment der Geburt".

Für Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege spricht der zunehmende Abstraktionsgrad dagegen, dass Lustgewinn das primäre Motiv der Handwerker gewesen sein könnte. Gegen Ende der Eiszeit habe es den künstlerischen Trend zu verkürzter Darstellung gegeben. Beispiel dafür sei die Venus von Monruz: "Die ist schon sehr abstrakt." In derselben Tradition sieht er die zurückhaltende Ausdrucksweise im Bierdener Exemplar: "Irgendwann bleibt nur noch ein Haken."

Die Britin Cook will am Samstag im Landesmuseum Hannover erläutern, warum "Venus" als Fachbegriff überhaupt nicht mehr taugt: Die Anlehnung an die Göttin der Liebe lege nahe, dass die eiszeitlichen Figuren Heiligendarstellungen sein könnten. Dafür gebe es jedoch keinerlei Beweise. Der zweite Grund ist die hässliche Vorgeschichte des Venusbegriffs in der Archäologie: Die 1815 verstorbene Afrikanerin Sara Baartman war aufgrund ihres ausladenden Gesäßes als Vénus hottentote in Europa zur Schau gestellt und verhöhnt worden. 1894 stellte dann der Archäologe Édouard Piette einen Bezug zwischen dieser "Hottentottenvenus" und eiszeitlichen Frauenfiguren her. Bei beiden glaubte der Rassist Piette, einen typischen "abnormen" Körperbau feststellen zu können – angeblicher Beleg für die geistige und sittliche Rückständigkeit der "Urmenschen".

Als Cook vor einem Jahr in London die Ausstellung Ice Age Art eröffnete, war es ihr gelungen, das Wort Venus kein einziges Mal zu verwenden. Sie stellte einfach die Frau von Willendorf aus und die Frau von Dolní Věstonice. Für ihre Kollegin Ludowici sind das genügend Gründe, auch die Frau von Bierden "nie mehr Venus zu nennen".