Dieser Kriegsbericht aus Mittelost bedürfte keiner länglichen Rezension, wenn er nicht auf 447 Seiten so irrlichternd-demagogische Antworten auf quälende Menschheitsfragen ausgewalzt hätte: über Interesse und Moral, Sinn und Gerechtigkeit des Krieges. Früher kamen die schlichten Antworten aus dem Munde von Priestern und Schamanen. Ihre heutigen Nachfahren, ironisch "Gutmenschen" genannt, tun sich auch nicht schwer. Der wahrhaftige Moralist weiß, dass jedes Gut im Konflikt mit anderen Werten liegt, dass der Mensch, so Kant, ein "krummes Holz" sei. Porzia, im Kaufmann von Venedig, drückt es am besten aus: "Wäre Tun so leicht wie Wissen, was gut zu tun ist, so wären Kapellen Kirchen geworden und armer Leute Hütten Fürstenpaläste."

Die Arbeit des nachdenklichen Moralisten ist die Abwägung; der "Gutmensch" setzt voraus, was nicht ist: eine bessere Welt, die nur einen winzigen Makel hat. Sie will nicht auf ihn hören. Wer sich nicht fügt, ist dumm oder böse. Daraus folgen Intoleranz und Selbstüberhebung. Der Publizist Jürgen Todenhöfer bescheinigt sich selber: "Ich habe damals alles getan, um mitzuhelfen, den (Afghanistan-)Krieg zu beenden." Also schrieb er Briefe an George W. Bush und Mullah Omar, den Führer der Taliban. Aber keiner der beiden "beantwortete diese Briefe" – welch narzisstische Kränkung!

Todenhöfer kennt auch den "schlimmeren Mörder". Er heißt George W. Bush, nicht Bin Laden. Warum? "Weil der Westen in Afghanistan viel mehr Zivilisten getötet" habe "als Al-Qaida in den USA". Dieser moralische Maßstab ist so krumm wie das Denken, das sich durch das Buch zieht. Er suggeriert, dass es keinen Unterschied zwischen Attackierten und Aggressoren gebe, dass moralische Wertigkeit eine Sache der Opferzahlen sei. Dann wäre wohl auch Nazi-Deutschland salviert, das gegenüber dem Westen eine vielfach höhere Gefallenenzahl zu beklagen hatte. Dann wären die Amerikaner mit 400.000 Toten die unübertroffenen Schurken im Vergleich zu fünf Millionen Deutschen.

Überhaupt Amerika und der Westen. Es ist kein Zufall, dass am Anfang des Buches die Zerstörung Hanaus steht, der Heimatstadt des Autors: "Der Teufel bediente sich in jener Kriegsnacht nicht nur der Deutschen." Wieder kein Unterschied zwischen Vorher und Nachher. Kein Wort von Warschau, Coventry und Rotterdam, vom mörderischen "Fortschritt" der Kriegführung made in Germany. Ursache und Wirkung finden bei Todenhöfer nicht statt. Er weiß nur: "Es gibt keine anständigen Kriege." Dazu gehören auch Befreiungs- und Verteidigungskriege, nicht wahr?

Dieser absolute Pazifismus ist der zentrale Denkfehler. Wer die Friedfertigkeit als höchstes Gut proklamiert, sagt gleichzeitig, dass er jeden anderen Wert im Namen des Friedens zu verraten bereit sei: Familie, Freunde, Nation, dazu Freiheit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit. Derlei "Moral" ist ein Hohn auf 2500 Jahre philosophischer Tortur, die mit der Frage begann, ob es rechtens sei, den Tyrannen umzubringen.

Die absolute Moral, die übrigens auch jeder Totalitäre für sich reklamiert, landet zwangsläufig im Absurden oder Bösen. Stellen wir uns vor, England und Frankreich hätten Hitler 1936 den Krieg erklärt, als sie noch überlegen waren. Das kleinere Übel hätte das kosmische verhindern können: Auschwitz und 55 Millionen Tote. Ja, jeder Krieg ist schmutzig, aber noch hässlicher ist der Rückzug in die Friedfertigkeit, die das Böse weder hört noch sieht.

Die Position solcher Friedfertigkeit lässt sich nicht durchhalten. Auch nicht von Todenhöfer, der zwar keine "anständigen Kriege" kennt, aber eine absonderliche Sympathie für jene Gewalttäter entwickelt, die gegen den Westen kämpfen, insbesondere gegen Amerika und Israel. Der Groll wird von salvierenden Sätzen eingerahmt wie jenem über das "großartige Kulturvolk der Juden, das so lange in Ghettos leben musste", aber "dieses menschenverachtende Ghetto Gaza hinnimmt". Hat die SS das Warschauer Ghetto eingeschlossen, damit der jüdischen Artillerie die Munition ausgehe?

Mitfühlend schreibt Todenhöfer über die Tunnel nach Ägypten, durch die Schmuggelgut nach Gaza gebracht wird. Dabei vergisst er, dass in diesen auch Raketen transportiert werden, die in israelischen Nachbarstädten landen. Auch übersieht er, dass die ägyptischen Brüder Gaza genauso abriegeln wie die Israelis, weil das Hamas-Regime ihnen ein Gräuel ist. Die Technik ist stets die gleiche: herzzerreißende Erzählungen über die Leiden der einen, kalte Indifferenz für die anderen. "Kontext", das Wesen aller Konflikte, ist für den Autor tatsächlich ein Fremdwort.