Carsten Spohr zählt zu den wenigen Piloten in Deutschland, denen der Chef das Steuern im Cockpit verboten hat. Der Lufthansa-Aufsichtsratsvorsitzende stellte Spohr einst vor die Wahl: Entweder bist du Pilot – oder Vorstand.

Spohr hat sich offenbar richtig entschieden: Mit gerade einmal 47 Jahren wird er einen Konzern führen, der mehr als 115.000 Mitarbeiter und 400 Tochterunternehmen hat. Bislang setzt Spohr sich zweimal im Jahr in den Flugsimulator, um seine Pilotenlizenz zu behalten. Zu mehr wird es auch künftig nicht reichen. Die Zeit für medizinische Untersuchungen und all die anderen Auflagen, die A320-Piloten erfüllen müssen, wird dem neuen Lufthansa-Chef gewiss fehlen.

Carsten Spohr ist nicht nur Pilot, sondern – wie seine drei Vorgänger – ausgebildeter Ingenieur. Der bodenständige Westfale begann mit 28 Jahren im Lufthansa-Marketing und stieg schnell zum Büroleiter von Übervater Jürgen Weber auf. 2004 wurde Spohr Passagevorstand. 2007 folgte die Feuertaufe: Er übernahm die Verantwortung für das Geschäft von Lufthansa Cargo. Bereits 2011 wäre Spohr dem Vernehmen nach gern Chef geworden, fügte sich aber geduldig in die Rolle des Kronprinzen seines Vorgängers Christoph Franz.

Den neuen Vorstandschef als zupackend zu beschreiben wäre ziemlich untertrieben. Seinen Händedruck vergleichen Gesprächspartner mit einer legendären Szene aus der Fernsehserie Der Seewolf, in der Raimund Harmstorf mit der rechten Hand eine rohe Kartoffel zerquetscht.

Zuletzt musste Spohr nochmals ausharren. Webers Nachfolger, der amtierende Aufsichtsratschef Wolfgang Mayrhuber, ließ sich auffallend viel Zeit mit der Neubesetzung des Top-Postens. Ehe er Spohr zum Nachfolger des in die Schweiz wechselnden Christoph Franz machte, suchte er einige Monate außerhalb der Lufthansa-Familie nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden.

Die Entscheidung für Spohr ist jedoch folgerichtig. Jemandem von außen kann nur schwer gelingen, was Spohrs größte Herausforderung wird: die Mitarbeiter auf einen gemeinsamen Kurs einzuschwören. Heute verhandelt die Lufthansa laufend mit Splittergewerkschaften. Gerade erst haben die Piloten zur Urabstimmung gerufen. Wenn es Spohr gelingt, nicht nur diese Berufsgruppe, sondern auch das Personal in der Kabine und am Boden vom Sanierungskurs zu überzeugen, hätte er schon viel erreicht.

Die Chancen stehen gut: Obwohl es Spohr war, der die Mitarbeiter in einem Brief vor knapp zwei Jahren auf das härteste Sparprogramm seit Jahren einschwor, blieb er für die einfachen Mitarbeiter "ein echter Lufthanseat". Spohr kann begeistert von Flügen und Triebwerken erzählen, wohingegen sein Vorgänger Franz in Gesprächen gerne auf seinen Ausflug zum anderen deutschen Mobilitätskonzern zu sprechen kommt – der Deutschen Bahn.

Damit kann man in der Welt der Lufthansa nicht punkten, in der es Piloten und Flugbegleitern schwerfällt, zu begreifen, dass zwischen Köln und Frankfurt nur noch Züge fahren. Franz stand zuletzt im Ruf, einfach nur ein Manager zu sein. Weber oder Mayrhuber hingegen galten als Ingenieure des Erfolgs. Das ist ebenso vereinfachend wie ungerecht, doch so war es.

Nun kommt einer, der mit dem gelben Hausausweis auch ins Bett gehe, wie ein Weggefährte sagt. Spohr gilt als charismatisch, einnehmend, ehrgeizig und entscheidungsstark. Viel wichtiger ist aber, dass er "für die Lufthansa-Kultur" stehe, wie eine Führungskraft fast ehrfurchtsvoll sagt. Darunter verstehen Mitarbeiter einen Arbeitgeber, der die guten Seiten des Staatskonzerns nicht gänzlich über Bord wirft. Ein Unternehmen, das auf Kündigungen verzichtet und die Mitarbeiter mit allerlei Vorteilen verwöhnt.

Christoph Franz wurde nachgesagt, mit dieser Kultur zu brechen. Sein Weggang zum Pharmariesen Roche sei da nur folgerichtig, sagen Gewerkschafter. Doch die Mitarbeiter sollten sich nicht täuschen. Die Aufgaben, die auf Spohr warten, sind gewaltig, und sie wären noch gewaltiger, wenn Franz nicht den Mut bewiesen hätte, schmerzhafte, aber kaum vermeidbare Entscheidungen zu treffen. Darunter fällt die Schließung der Hauptverwaltung in Köln und der Ticketabrechnung in Norderstedt. Für viele noch viel schlimmer zu ertragen war jedoch, wie die Billigtochter Germanwings den Lufthansa-Verkehr jenseits der großen Drehkreuze Frankfurt und München übernahm. Spohr soll sich sehr lange dagegen gewehrt haben. Er war als Passagevorstand auch für die Neuausrichtung des Europaverkehrs zuständig.

Der Sparkurs ist dringend nötig, weil die Lufthansa innerhalb Europas in einem immer schärferen Wettbewerb steht. Dafür sorgen vor allem die Billigflieger Ryanair und easyJet, aber auch Fluggesellschaften wie Turkish Airlines. Lange konnte die Lufthansa ihren Kostennachteil überspielen, indem sie die Kurzstrecke schlicht mit Gewinnen aus der Langstrecke subventionierte.

Doch dieses Geschäftsmodell hat keine Zukunft. Im einst so lukrativen Asienverkehr greifen Etihad, Emirates oder Singapore Airlines an. Manche Strecke nach Fernost hat Lufthansa bereits mangels Auslastung einstellen müssen. Zugleich greifen die wiedererstarkten US-Fluggesellschaften auf der Atlantikroute an. Die Antwort darauf kann nur Qualität sein. Schon in diesem Jahr rollt alle zwei Wochen ein neues Flugzeug zum Lufthansa-Hangar. Bis 2025 wird der Konzern 32 Milliarden Euro in die Flotte investieren (abzüglich einiger Milliarden Mengenrabatt). Damit steigt der Sparbedarf an anderer Stelle weiter.

Spohr wird sich von diesen Nöten nicht befreien können und einem enormen Anspruch gerecht werden müssen. Innerhalb des Unternehmens hoffen viele, dass er nicht nur im Simulator ein starker Kapitän ist.