DIE ZEIT: Herr Martins, was bewegt Sie derzeit?

Paul-Friedrich Martins: Es geht nicht mehr um mich. Ich hatte ein reiches Leben. Ich war Pastor, erst in der Nähe von Schwerin, dann in Neubrandenburg. Nun bin ich 85 Jahre alt und längst pensioniert. Ich würde lieber über die Kirche, über die jüngeren Pastoren sprechen.

ZEIT: Nur zu!

Martins: Ich finde es traurig, dass die Pfarrstellen hier immer weniger werden, dass so wenige meiner jungen Kollegen die Chance bekommen, zum Beispiel nach Mecklenburg zu gehen.

ZEIT: Nur, Herr Martins, hier ist doch kaum einer gläubig, geschweige denn religiös.

Martins: Aber genau das ist doch verlockend! Für einen jungen Pastor ist Ostdeutschland perfekt, auch die ländlichen Regionen sind es. Regionen, die viele junge Leute nun meiden. Es stimmt, im Osten bekennen sich wenige zum Glauben. Ich weiß gar nicht, ob es das auf der Welt ein zweites Mal gibt. Aber für einen Pastor hat das seine Vorteile.

ZEIT: Das müssen Sie uns erklären!

Martins: Es ist ganz einfach: Man muss hier nicht gegen festgefahrene Traditionen anpredigen. Man kann hier von vorn anfangen. Ich bin in Niedersachsen aufgewachsen, da war das Christsein selbstverständlich. Man ging sonntags in die Kirche, weil man eben sonntags in die Kirche ging. Nein, wenn Pastoren irgendwo wirklich viel bewegen können, dann doch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg. Da, wo erst die SED den Menschen den Glauben ausredete und wo jetzt viele glauben, es hätte hier noch nie eine Religion gegeben. Wissen Sie, wann ich in die DDR gegangen bin?

ZEIT: Sagen Sie es uns.

Martins: Es war 1956. Mir war klar, dass mich die SED behindern würde, wo sie nur konnte. Wir, meine Kollegen und ich, verdienten weniger Geld als jedes andere Gemeindemitglied. Auch deswegen genossen wir großes Vertrauen in der Bevölkerung. Für mich war es immer eine Erfüllung. Selbst die Parteileute erzählten uns Sachen, die sie ihren eigenen Freunden nicht verraten hätten.

ZEIT: Pfarrer haben großen Anteil daran, dass 1989 eine friedliche Revolution gelang. Wird das zu wenig wertgeschätzt?

Martins: Das weiß ich nicht. Wir hatten nach der Wende vielleicht nicht mehr das gleiche Gewicht. Andererseits, ich bin Joachim Gauck ein paar Mal begegnet. Er kann packende Reden halten. Er ist ein bedeutender Mann geworden. Von ihm könnten sich die jungen Leute einiges abgucken.