Was ist da eigentlich passiert am letzten Sonntag? Wer sind die 50,3 Prozent, die ein Ja für die Masseneinwanderungsinitiative der SVP in die Urne legten? Und was wollten sie? Weniger Fremde – oder mehr Platz in der S-Bahn? Oder bloß ihrer Regierung eine Ohrfeige erteilen?

Die Woche nach dem Urnengang vom 9. Februar 2014 bietet, anders als bei Abstimmungen sonst, plötzlich mehr Fragen als Antworten. Egal, mit wem man telefoniert, mailt oder spricht, mit Unternehmern, Politikern und Experten, überall herrscht die große Ratlosigkeit. Denn am Sonntagnachmittag um 16.42 Uhr, als das Abstimmungsresultat verkündet wurde, zerschlug sich ein Axiom der Schweizer Innenpolitik: Geht es ums eigene Portemonnaie, bleibt das Volk vernünftig.

Doch war dieser Grundsatz tatsächlich in Stein gemeißelt?

Blenden wir zurück: 6. Dezember 1992. Auch das ein Abstimmungssonntag, auch er hinterließ ratlose Gesichter bei Parteien, Verbänden und im Bundesrat. Das Siegerlächeln trug eine seltsam gemischte Truppe. In ihren Köpfen spukten das Traditionsbewusstsein, die Identitätssorgen, die nackte Fremdenangst ebenso wie die Skepsis vor dem Big Business – also vor der großen, der internationalen Wirtschaft, die nur ein Ziel kennt: mehr Wachstum. Es war diese Allianz, die Christoph Blocher beim historischen EWR-Entscheid zum Sieg verholfen hatte. Schon damals stimmten nicht bloß nationalkonservative Heimatschützer gegen den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum, sondern auch entschlossene linke Demokraten wie Andreas Gross oder ein großer Teil der Grünen. Sie wurden zum Zünglein an der Waage.

Und jetzt rumste es also wieder.

Noch ist es zwar eine These, dass sich konservative Folklore und zeitkritische Fortschrittsskepsis auch an diesem 9. Februar 2014 zu einer Mehrheitsmeinung vermengten. Die Auswertung des Wählerverhaltens wird zeigen, ob sie tatsächlich stimmt. Doch die Auswertung der abgegebenen Stimmen lässt jetzt schon kaum einen anderen Schluss zu.

Dort, wo die konkreten Negativfolgen der massiven Einwanderung der letzten Jahre zu spüren sind – Mietpreissteigerung, Verdrängung am Arbeitsplatz, Lohndruck –, dort lehnte die Bevölkerung die SVP-Initiative ab. Dort aber, wo die Veränderungs- und Wanderungsströme ohnehin nicht hinlangen, fanden sich die sattesten Ja-Mehrheiten. Vergleichsweise am meisten Stimmen holte die SVP-Idee in den Bezirken Blenio und Riviera in den Tessiner Bergen. Das klarste Nein setzte es in Zürich und Lausanne.

Es ging also offenbar nur am Rand um konkrete Konkurrenzprobleme oder um den "Dichtestress", von dem plötzlich dauernd die Rede war. Sondern es ging um Bilder, Werte und Vorstellungen davon, was das Land zu sein habe. Nämlich irgendwie so wie früher.

Eine hauchdünne Mehrheit der Bevölkerung möchte dafür einen erheblichen wirtschaftlichen Preis bezahlen. Denn jeder musste oder konnte wissen, dass ein Ja zur Initiative – im wirtschaftlichen Sinne – sehr teuer wird. Es war bekannt, dass mit der Personenfreizügigkeit auch andere EU-Abkommen kippen werden, welche für die wirtschaftliche Effizienz der Schweiz notwendig sind. Es war absehbar, dass viele Unternehmen auf Jahre hinaus Investitionen zurückfahren werden und dass es folglich auch auf dem Arbeitsmarkt einen Dämpfer setzen muss. Es erschien plausibel, wenn jene Forschungsfirmen und -abteilungen, deren Personal zu 50 Prozent und mehr aus Ausländern besteht, künftig wieder stärker im Ausland investieren. Es bestand das erhebliche Risiko, dass der seit Langem erhoffte leichtere Marktzugang der helvetischen Finanzdienstleister nun noch länger auf sich warten lässt.

Die Wirtschaftsverbände hatten all dies an die Wand gemalt in den Tausenden Plakaten und Inseraten, auf denen ein Holzfäller einen schwer tragenden Apfelbaum umhaut. Und bereits am Montag nach der Abstimmung präsentierten Ökonomen der Credit Suisse erste konkrete Zahlen: In den nächsten drei Jahren würden 80.000 Jobs nicht geschaffen. Das Wirtschaftswachstum wird um 0,3 Prozent geringer ausfallen.