Mona Lisa sieht alles. Dass manche Besucher besser blinzeln können als andere. Dass man sein Kind nicht vernünftig umarmen kann, wenn man ein Handy am Ohr hält. Sie rät, mal einen der tollen Keksläden nahe dem Louvre zu besuchen, man möge sie aber bitte nicht mit Krümeln bespucken. Sie denkt nach, über die Liebe, die Schönheit, die Grenzen ihres Daseins als Gemälde. "Ich werde nie das Gefühl kennenlernen, an einem Montagmorgen nicht zur Schule gehen zu wollen", twittert @monalisaseyes.

Auch Gemälde, Skulpturen und berühmte Statuen haben inzwischen eigene Kanäle im virtuellen Plaudernetzwerk. Eifrig berichten sie aus ihrem Alltag auf dem Sockel oder an der Museumswand. So lässt die Freiheitsstatue die Fans nicht nur an ihrem Blick auf Manhattan teilhaben. Sie verrät auch ihre Schuhgröße (Nummer 879) und stellt aktuelle Hausgäste vor: einen Falken, der sich auf ihrer Krone niedergelassen hat, und eine Fledermaus im Winterschlaf. Nach New York sehnt sich auch Michelangelos David: 500 Jahre lebe er nun am selben Ort, inzwischen langweile ihn Florenz, twittert der marmorne Jüngling. Und dass er kein Exhibitionist sei, obschon er sich öffentlich stets nackt zeige. Damit ist ein neuer Ton angeschlagen: Das Kunstwerk sorgt sich nicht mehr so sehr um seine Aura, seine Entrücktheit. Stattdessen will es offenbar rüberkommen wie ein Kumpel, der ganz locker von seinen Wünschen und Nöten erzählen kann.

So hält es auch der Wall-Street-Bulle, jener, im Selbstbild, "bronzene, muskulöse Typ, der im New Yorker Finanzdistrikt herumhängt". Er ist oft genervt vom Besucherrummel und bittet ausdrücklich darum, ihn an einem Januartag nicht mit eiskalten Händen anzufassen. Zudem fühlt er sich regelmäßig auf seinen Körper reduziert: Jedes Mal, wenn Sonnenlicht sein Gemächt zum Leuchten bringe, zücke ein Tourist die Kamera! Dabei sieht er, das Symboltier der Börse, sich im Grunde eher als denkendes Wesen und durchaus in der Lage, über Wirtschaft und Politik zu diskutieren. Manchmal tut er das sogar mit einer anderen twitternden Sehenswürdigkeit: dem Tigerhai des britischen Künstlers Damien Hirst, der sich, in Formaldehyd eingelegt, aus seinem Becken in Katars Hauptstadt Doha meldet. "Ich bin ein verrottender Hai, verkauft für 12 Millionen Dollar", beschreibt sich der gar nicht stumme Fisch, berichtet über Fischindustrie, Fangquoten und abgebissene Beine. Und er stellt Fotos ein: von einer Eisskulptur in Haiform oder von einem Paar High Heels mit Haizähnen an der Ferse.

Auch die Freiheitsstatue (@StatueLibertyNPS) meldet sich mit Tweets von ihrer Insel. © Kena Betancur/Getty Images

Ein Kniff, mit dem er einem Problem begegnet, das manche plaudernde Sehenswürdigkeit hat: Twitter, die schnellste der digitalen Kommunikationsformen, verlangt eigentlich nach Neuigkeiten oder Erlebnissen. Wer aber Tag für Tag in derselben Vitrine hängt oder auf demselben Sockel steht, der hat in der Regel nicht gar so viel zu berichten. Auch unter Skulpturen wird daher gerne mal über das Wetter gesmalltalkt. Oder über die drückende Langeweile während eines Schließtags im Museum. Oder über Reisepläne, etwa zu einer Sonderausstellung.

Da spürt man dann sehr deutlich den Museumsmitarbeiter im Hintergrund, der den Twitteraccount des hauseigenen Aushängeschilds zur institutionellen Propaganda nutzt und ganz brav Hintergrundinformationen weiterreicht. Oft betreiben allerdings Privatleute die entsprechenden Plauderkonten und haben mit ihrer freieren Interpretation des Genres mehr Erfolg. In New York zum Beispiel hat zwar die Freiheitsstatue, von offizieller Seite mit Hirn und Stimme ausgestattet, 10.300 Follower. Aber fast 180.000 folgen den Tweets einer Kobra, die, von einem Reptilienfan betreut, aus dem Zoo der Bronx berichten. Von ihrer Leibspeise ("Maus gestopft in eine Ratte gestopft in eine Taube"), den Vorsätzen fürs neue Jahr ("Ich versuche, mich vegan zu ernähren") oder den Plänen fürs nächste Kostümfest ("Zu Halloween verkleide ich mich als Gürtel"). Ein erdbraunes Reptil läuft der berühmten Statue den Rang ab. Twitter untergräbt also die traditionelle Hierarchie der Sehenswürdigkeiten; die Massen bindet, wer Pointen setzt. Prominenz wird losgelöst vom Urteil der Kunsthistoriker oder Wissenschaftler.

Was hat er da? Etwa sein Smartphone? © Franco Origlia/Getty Images

Und nebenher verhilft Twitter so mancher Lokalgröße zu Ruhm. Denn Twitter arbeitet nach dem Schneeballprinzip. Folgt man einem plaudernden Museumsstück, werden einem gleich weitere vorgeschlagen. George etwa, der Affe aus dem naturgeschichtlichen Museum in Nottingham ("Wie kann ein ausgestopfter Gorilla mehr Follower haben als ich?", wundert sich ein User). Oder Sue, Chicagos Tyrannosaurus Rex. Eine Dinosaurierdame, die gerne mit ihren Körpermaßen kokettiert ("Nachts finde ich im ganzen Museum keine Decke, die groß genug für mich wäre") und sich als Diva gibt ("Seit 53 Stunden hatte kein Besucher ein Foto von mir gemacht. Ich begann, mir Sorgen zu machen"). Sue ist nur eins von verschiedenen Urzeitviechern mit Twitterkanal. Je ferner die Welt liegt, der ein Museumsstück entstammt, desto größer ist offenbar der Reiz, die letzten "Überlebenden" reden zu lassen.

Auf Dauer wird das digitale Geplauder – ganz im Sinne der jeweiligen Plaudertasche – bestimmt die eine oder andere Reiseroute beeinflussen. Etwa Menschen animieren, der Freiheitsstatue einen zweiten Besuch abzustatten – beim ersten hat man nicht auf ihre Füße geachtet. Vor allem aber könnte Twitter Besucher zu Skulpturen oder Museumsstücken leiten, die abseits der Hauptattraktionen warten; Menschen an Orte treiben, die sie sonst nie aufgesucht hätten, die nun aber in neuem Licht erscheinen: weil dort nicht irgendeine Statue steht oder irgendein verstaubtes Präparat. Sondern ein Netzfreund, dem man endlich in die Augen schauen möchte. Selbst wenn sie aus Glas sind.