England versinkt im Regen, aber wen überrascht das schon? Nicht ohne Grund hat der Gummistiefel auf der Insel eine so große kulturelle Bedeutung. Er markiert den Unterschied zwischen Land- und Stadtbevölkerung, und seit selbst Supermodel die Gummigaloschen des altehrwürdigen Herstellers Hunter trägt, ist die Marke zum Inbegriff der britischen Modeindustrie geworden – wie Burberry und Paul Smith.

Doch dies ist kein normaler britischer Regen, es regnet Wassermengen vom Himmel wie seit ewigen Zeiten nicht mehr und legt die Schwächen der britischen Infrastruktur schonungslos offen. In den Grafschaften Somerset und Dorset stehen bereits seit Weihnachten zahllose Gemeinden unter Wasser. Westlich von London, in der Gegend um Windsor, Eton und Maidenhead, überschwemmt die Themse seit drei Wochen Tausende von Häusern. Der Grundwasserspiegel ist so hoch, dass die Flut aus der Erde sprudelt. Die Infrastruktur ist weitgehend lahmgelegt, und die Regierung fragt sich einmal mehr, woher das Geld für die notwendigen Investitionen in die hoffnungslos veralteten Straßen und Brücken, Schleusen, Dämme und Bahnlinien kommen soll.

Und so kommt es, dass der britische Dauerregen den Blick der Regierenden nach China lenkt. Denn in kein anderes europäisches Land haben chinesische Investoren in den vergangenen Jahren mehr Geld gesteckt als in Großbritannien. Die Erneuerung der Abwasserversorgung in der Grafschaft Kent hängt ebenso von chinesischem Kapital ab wie Trassen des überfluteten Eisenbahnnetzes, der Ausbau des Londoner Flughafens Heathrow und die Zukunft der Stromversorgung in England und Wales.

Chinas Staatsfonds CIC hat im vergangenen Jahr durch laufende Verträge und Neuakquisitionen weltweit insgesamt 781,5 Milliarden Dollar (570 Milliarden Euro) investiert, wie die Heritage Foundation, ein Washingtoner Thinktank, errechnet hat. Davon flossen 18,8 Milliarden Dollar (13,7 Milliarden Euro) nach Großbritannien – dreimal so viel wie nach Deutschland. Professor Alessandra Guarglia, eine Ökonomin an der Universität Birmingham, vergleicht die chinesischen Auslandsinvestitionen in Deutschland mit "einem Einkaufsbummel durch die feinsten Boutiquen der Stadt". In Deutschland kauften die Chinesen exklusives technisches Know-how für die eigene Industrieproduktion ein. "Großbritannien und seine Infrastruktur ist dagegen eher so etwas wie ein Investmentfonds, eine Geldanlage."

Cameron: "Fruchtbare Zusammenarbeit"

Unter Politikern hat Chinas Spendierfreudigkeit zu einem Sinneswandel geführt. Noch 2010, nach seinem Wahlsieg, sprach Premierminister David Cameron lieber über Menschenrechte in China als über Handelsbeziehungen. Bei seinem jüngsten Besuch in Peking hingegen lobte er Chinas Shopping-Strategie "als Grundlage für eine fruchtbare Zusammenarbeit in allen Bereichen".

War es das ernste Interesse seiner Gastgeber, sich an dem Bau der Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen London und Manchester zu beteiligen, das Cameron zu dieser Äußerung veranlasste? Jedenfalls gilt das Prestigeprojekt als Paradebeispiel dafür, wie die britische Wirtschaft von Chinas Devisenreserven profitieren kann. Wie üblich bei solchen Vorhaben sind die Kosten seit der ersten Planungsphase enorm gewachsen. Derzeit rechnet die Regierung mit 50 Milliarden Pfund und einer Bauzeit von mehr als zehn Jahren. "Das sind Summen und Bauzeiten, die sich politisch fast unmöglich verkaufen lassen", sagt eine Beamtin aus dem Wirtschaftsministerium. "Der gesamtwirtschaftliche Nutzen, den dieser Hochgeschwindigkeitszug hätte, liegt zu weit in der Zukunft und ist zu abstrakt."

Ein anderes Beispiel ist Londons Flughafen Heathrow. 2006 bezahlte der spanische Baukonzern Ferrovial zehn Milliarden Pfund für den Flughafen und ging daran beinahe zugrunde. Statt in die Sanierung der alten Terminals zu investieren, musste Ferrovial selbst saniert werden. "Erst seit der CIC vor zwei Jahren zehn Prozent an Heathrows Betreibergesellschaft übernahm, sind die nötigen langfristigen Investitionen garantiert", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Wo sich westliche Industrienationen in langwierigen demokratischen Prozessen verfangen, ermöglichen chinesische Investoren den weiten Blick nach vorne. Doch bei den derzeitigen Regengüssen wäre akute Hilfe dringender.