Manchmal kaufe ich am Samstag Fisch und Gemüse auf einem Ökomarkt. Es gibt dort auch Chili-Tofu, Schokolade mit Pfefferkörnern und veganes Eis. Wer hier einkauft, auf dem Berliner Kollwitzplatz, muss nicht sparen. Die Quadratmeterpreise in den umliegenden Straßen gehören zu den teuersten der Stadt. Trotzdem hat der 41-jährige Linken-Abgeordnete Stefan Liebich ausgerechnet hier bei der Bundestagswahl zum zweiten Mal ein Direktmandat erkämpft. Einige seiner Wähler kenne ich gut, es sind Akademiker, die mit ihren Kindern sonntags zur Kirche gehen. Die alten Gespenster von Liebichs Partei – Stasi, Schießbefehl, Sektierertum – sind hier sehr weit weg.

Ich lebe zwischen bürgerlichen Linken. Vermutlich hat das dazu beigetragen, dass ich auf die Idee kam, über diese Partei zu berichten. Ich war neugierig – die anderen Parteien kenne ich gut, die Linke nicht. Ich ging davon aus, dass sie sich weiter etabliert. Die Linke ist neuerdings stärkste Oppositionspartei im Bundestag, sie hat sogar gute Chancen, im Herbst in Thüringen den ersten Ministerpräsidenten zu stellen, die SPD schließt rot-rote Koalitionen auf Bundesebene nicht mehr aus. Aus Sahra Wagenknecht wird gerade ein Star für das breite Publikum, schön, rätselhaft und intelligent. Sie ist Dauergast in Talkshows, wird von Zeitschriften wie Gala mit Fotoserien beschenkt, selbst das Handelsblatt veröffentlichte am vergangenen Wochenende eine acht Seiten lange Titelgeschichte über sie. Wem sonst ist das vergönnt?

Vielleicht bin ich auch nur Gregor Gysi auf den Leim gegangen. Der redet momentan viel von seiner "neuen Rolle": Er mache jetzt auch Politik für die Wähler von Union und SPD, sagt er, und sogar "für den Bauern in Bayern, der CSU wählt". Das erklärte er erst kürzlich bei einer Pressekonferenz. Schließlich wünschten auch Bauern sich eine gute Opposition. Die Linke sei "erwachsen geworden", behauptet die Vorsitzende Katja Kipping.

Erst fand ich das ganz einleuchtend. Mittlerweile habe ich gemerkt: Ich habe mich geirrt.

Der "säbelrasselnde Bundespräsident" und "Kriegsministerin von der Leyen"

Wann habe ich angefangen, mich zu wundern? War es im November, als Rüdiger Sagel, Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Linken, den Sankt-Martins-Tag umbenennen wollte in "Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" – wegen all der Kinder, die keine Christen sind? Er wurde schnell ausgebremst, selbst von Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Das Leben des heiligen Martin sei auch für Andersgläubige vorbildlich.

War es im Dezember, als mir klar wurde, mit welcher Art Parteien die Linke im Europaparlament eine Fraktionsgemeinschaft bildet? Der Abgeordnete Helmut Scholz hatte eine Ausstellung über die Opfer des Stalinismus organisiert, es ging um Folter, Zwangsarbeit und Schauprozesse, ein ehrenwertes Projekt, könnte man finden. Die griechischen Kommunisten aus der Fraktionsgemeinschaft riefen zum Boykott der Ausstellung auf.

Gestaunt habe ich auch über den Neujahrsempfang der Linken in Berlin. Katja Ebstein, ein Schlagerstar meiner Kindheit, singt vor älterem Publikum. Nach den ersten Minuten kündigt sie ein Lied über die Zeit des Mauerfalls an: "Wir wollten uns ja alle ständig um den Hals fallen, ich nehme an, das war bei Ihnen wie bei mir so." Das Publikum bleibt reglos. "Nee? Ist ja zum Kotzen! Also ich denke, die Freude ist bis heute ungebrochen", ruft die Sängerin. Einige Zuhörer lachen, andere pfeifen. Und da war sie wieder, die Linke als Nachfolgepartei der SED.

Das vergangene Wochenende habe ich in Hamburg auf dem Parteitag der Linken verbracht. Die meiste Zeit saß ich auf einer Tribüne, an der ein großes Transparent befestigt war. Darauf stand: "Der Hauptfeind steht im eigenen Land". In den Reden der Delegierten war viel vom Finanzkapitalismus und vom Patriarchat die Rede, vor allem aber ging es um den "säbelrasselnden Bundespräsidenten", um die "Kriegsministerin Ursula von der Leyen" und um "deutsche Großmachtsambitionen". Die Bundestagsabgeordnete Inge Höger fand, Gauck und die Minister von der Leyen und Steinmeier sprächen "in den gleichen Tönen wie Kaiser Wilhelm vor dem Ersten Weltkrieg". Dabei hatten die Minister und der Bundespräsident bloß für ein stärkeres militärisches Engagement Deutschlands in Krisengebieten plädiert. Einmarschieren wollten sie nirgendwo. Sevim Dagdelen, ebenfalls Abgeordnete im Bundestag, sagte: "Sie trommeln für immer mehr und neue Kriege."