Vor dem Parteitag hatte die Partei sich lange über die Präambel im Programm für den Europawahlkampf gestritten. Dieter Dehm und Wolfgang Gehrke vom linken Flügel hatten einen Satz durchgesetzt, der vielen Linken zu antieuropäisch klang. "Spätestens seit dem Vertrag von Maastricht wurde die EU zu einer neoliberalen, militaristischen und weithin undemokratischen Macht", hieß es in dem Text. Gysi kritisierte die Passage in einem Interview, auch die beiden Parteivorsitzenden wollten ihn nicht. In Hamburg wurde er gestrichen.

Der Streit hat mein Staunen über die Linke noch verstärkt, denn die Parteivorsitzenden hatten in der entscheidenden Vorstandssitzung eine klare Mehrheit der sogenannten Reformer auf ihrer Seite. Doch selbst die fanden, dass sich auch die Minderheit im Text wiederfinden müsse, deshalb stand der Satz gegen den Willen der Chefs im Programm. Man mache eben keine Basta-Politik, sagen die dazu. Unsere Parteivorsitzenden können sich eben nicht durchsetzen, sagen viele andere.

In Hamburg habe ich gelernt, dass die Linke – anders als CDU, SPD, FDP und Grüne – ihre Parteitage für eine Mittagspause unterbricht. Inzwischen verstehe ich, warum das nötig ist, denn ich habe fast drei Stunden lang intensiver Textarbeit gelauscht. Das macht müde. Das Programm für die Europawahl wurde nämlich nicht etwa nur verabschiedet, wie es auf der Tagesordnung hieß, sondern Absatz für Absatz überarbeitet – und zwar im Kollektiv. Oft ging es um Petitessen. So regte sich Widerstand, weil im Entwurf des Parteivorstands vom "Finanzkapitalismus" die Rede war. "Industriekapitalismus" sei viel besser, mahnten Delegierte. Der Landesverband Sachsen warnte davor, im Programm die "Verursacher der Krise" zu kritisieren. Kapitalismus sei ein Zwangssystem, jeder mache irgendwie mit, insofern sei auch jeder ein "Verursacher der Krise". Lieber solle man von "Profiteuren der Krise" sprechen, schlugen sie vor. So ging es stundenlang. Ich wünschte, meine Bekannten vom Kollwitzplatz hätten dabeigesessen. Ganz sicher bin ich nicht, warum es sie zur Linken zieht. Gerechtigkeitssinn? Lust auf das Exotische? Der nette Herr Liebich?

Auf dem Parteitag habe ich auch Gespräche geführt, mit Florian Wilde beispielsweise, einem Mittdreißiger, der zur Führung der Linken gehört. Er kann gut erklären, warum sich die Linke anders entwickeln wird als einst die Grünen. Seine Generation habe deren abschreckendes Beispiel ja miterlebt, vor allem das Ja zum Kosovo-Einsatz, und wolle eine Wiederholung unbedingt verhindern.

Wilde hat in Italien studiert, weil er von der Kommunistischen Partei dort fasziniert war. Ihr Niedergang während der Jahre an der Macht hat ihn geprägt, er lehnt daher jede Regierungsbeteiligung ab. Das Gespräch war aufschlussreich, trotzdem war ich befremdet. Das lag an Wildes schwarzem T-Shirt. Darauf stand in weißen Buchstaben: "FCK SPD". Dann habe ich noch Dieter Dehm kennengelernt, Musikproduzent und Dichter vieler Schlager. Wie Wilde gehört er zum Parteivorstand.

"Kennen Sie den Unterschied zwischen Onanieren und Geschlechtsverkehr?"

Die Begegnung werde ich so schnell nicht vergessen. Wir treffen uns zum Kaffeetrinken, ich stelle mich zu ihm an einen kleinen Tisch und frage, ob ich störe. Er verabschiedet schnell einen Kollegen und wendet sich mir zu: "Macht nichts, ich rede sowieso lieber mit Frauen." Dann tischt er einen Witz auf: "Kennen Sie den Unterschied zwischen Onanieren und Geschlechtsverkehr?" Leider fällt mir spontan dazu nichts ein. "Beim Geschlechtsverkehr lernt man mehr Leute kennen", löst er das Rätsel. Ich versuche, unbeeindruckt auszusehen. "Herr Dehm, ich wollte eigentlich gern wissen, wie Sie die beschlossene Liste der Kandidaten für Europa finden." Dehm sagt etwas über die schwindende Motivation der Parteilinken und wendet sich plötzlich mitten im Satz ohne Entschuldigung ab, um einen Parteifreund zu begrüßen. Er kommt nicht wieder.

Ich finde, Parteien müssen auch schwierige Menschen integrieren. Für eine Partei, die Lobby für Benachteiligte sein will, gilt das erst recht, man darf nicht übelnehmen, wenn nicht jedes Mitglied durch intellektuelle Brillanz und perfekte Umgangsformen besticht. Wenn auf einem Parteitag jemand aufs Podium tritt und sagt: "Frauen sind sehr solidarisch, womit ich aber nicht sagen will, dass Männer unsolidarisch sind", dann finde ich das nicht schlimm.

Ich habe sogar eine Schwäche für Menschen, die bereit sind, sich hingebungsvoll mit Parteiprogrammen zu beschäftigen. Wer macht das heute noch? Trotzdem, eine normale Partei ist die Linke noch lange nicht. Dafür sind viele ihrer Leute einfach viel zu schräg.

Kann das so bleiben? Sektierertum und Scheinwerferlicht vertragen sich in der Politik auf Dauer nicht. Meistens führt mehr Verantwortung zu mehr Pragmatismus, öffentliche Aufmerksamkeit führt zu Professionalität.

Gysi, Kipping und die anderen irren sich, wenn sie denken, sie hätten den Scheinwerfer-Test bestanden. Mich jedenfalls überzeugen sie immer weniger, je besser ich sie kennenlerne. Deshalb habe ich beschlossen: Schreiben ohne Kopfschütteln, das geht bei dieser Partei noch nicht.

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