Jüdische Zwangsarbeiter beim Straßenbau in Russisch-Polen 1915 © Kühlewindt/Haeckel Archiv/ullstein

Die zionistisch inspirierten Versprechungen – gleiche Bürgerrechte und vollständige Glaubensfreiheit – erwiesen sich als Lüge. "Die russische Knute tat manchmal weh, die preußische Fuchtel immerfort", lautete bald eine wiederkehrende Klage.

Juden war es verboten, zu dritt nebeneinanderzugehen

Der Jurist und Schriftsteller Sammy Gronemann, ein überzeugter Zionist, der seit 1916 seinen Militärdienst als Dolmetscher im Bezirk Ober Ost leistete, hat die vielen verdeckten Schikanen und offenen Brutalitäten der deutschen Militärbehörden gegen die Juden miterlebt. So war es diesen strengstens verboten, zu dritt nebeneinanderzugehen – eine lächerliche Vorschrift, doch wehe dem, der dagegen verstieß. In dem Buch Hawdoloh und Zapfenstreich, seinen "Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916 bis 1918", berichtet Gronemann, dass Verhaftungen und Bestrafungen vorzugsweise am Sabbat durchgeführt wurden, wobei die Büttel "wie Hundefänger" vorzugehen pflegten. An Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, griffen Militärpolizisten, vor den Synagogen postiert, Gläubige im arbeitsfähigen Alter auf, verschleppten sie und zwangen sie zur Straßenbauarbeiten.

Der Historiker Zosa Szajkowski hat etliche der Repressalien beschrieben. Juden wurden gezwungen, am Sabbat die Straßen zu reinigen. In Prużana beschlagnahmten die Deutschen eine Synagoge als Unterkunft für Zwangsarbeiter, und in einer anderen Synagoge eröffneten sie ein Theater. In Suwałki wurden Juden gezwungen, an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Fasten- und Bußtag, ihre Geschäfte zu öffnen; unter Prügeln brachte man sie dazu, die heiligen Vorschriften des Fastentages durch Essen zu übertreten. In der Stadt Łomża forderten die Militärbehörden im September 1915 eine Kontribution in Höhe von 60.000 Rubel, nahmen jüdische und christliche Polen als Geiseln und drohten, sie alle zu erschießen, wenn die Forderung nicht erfüllt werde.

Wenn jemand sich beklagte, daß er krank sei, bekam er statt Arznei Prügel.
Julius Berger, Leiter der Jüdischen Abteilung

Die Behandlung der Zwangsarbeiter war reine Misshandlung. Julius Berger, Leiter der Jüdischen Abteilung bei der Deutschen Arbeiter-Zentrale in Warschau und unbestechlicher Augenzeuge, hat das rücksichtslose Vorgehen aus nächster Nähe verfolgt. "Es wurde vorgeschrieben", so schildert er das Elend, "daß ein jeder, der zur Arbeit zugezogen wird, zwei Paar Schuhe, zwei Decken, Hemden usw. mitzubringen habe. Dies konnte selbstverständlich von den allermeisten nicht befolgt werden, und so sind sie auch kleider- und schuhelos. Sie schliefen bis zu letzter Zeit unter freiem Himmel." Dabei war "die Arbeit sehr schwer. Medizinische Kontrolle gibt es fast keine. Wenn jemand sich beklagte, daß er krank sei, bekam er statt Arznei Prügel. Essen bekommen sie schlechtes und sehr wenig. Die Folge davon ist, daß manche jungen, kräftigen Leute nach einem Monat in den letzten Stadien der Schwindsucht zurückgeschickt wurden. Wenn um Abhilfe gebeten wurde, wurden die Tatsachen kurzweg bestritten." Für Berger war der Antisemitismus der Deutschen im Allgemeinen und der Offiziere und Beamten im Besonderen die treibende Kraft dieser Auswüchse.

Die Zwangsarbeiter wurden in Gefangenenlager gesteckt. Sie waren de facto Sklaven. Verzweifelt setzten sie sich zur Wehr. Sie zerschnitten ihre Decken, steckten die Baracken in Brand, flohen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sie versuchten, sich mit Krankheiten zu infizieren, um auf diese Weise ins Lazarett zu kommen, wo es allerdings kaum Hilfe gab.

Empörung im Ausland, Dementis der Obersten Heeresleitung

Die Zustände im besetzten Gebiet konnten auch im Ausland nicht verborgen bleiben und schlugen in der dortigen Presse bereits Wellen der Empörung. Das Auswärtige Amt in Berlin sah sich genötigt, zu dementieren. Die Oberste Heeresleitung wies alle Vorwürfe zurück und schob die Verantwortung auf "bestimmte jüdische Kreise", welche die deutsche wie die ausländische Presse systematisch mit "Schmähartikeln" über die grausame Behandlung der Juden durch die Militärbehörden überschütteten. Peinlich nur, dass es der "Gegendarstellung" an Gegenbeweisen mangelte. Das fiel selbst im Auswärtigen Amt auf und veranlasste einen Beamten dort zu der Randbemerkung: "Dementieren ohne Unterlagen ist doch ein Unding."

In der jüdischen Bevölkerung war die Stimmung völlig gekippt. Der Bericht des Generalgouverneurs in Warschau, Hans von Beseler, spricht eine eindeutige Sprache. "Die Juden sind nicht mehr deutschfreundlich", stellt er nüchtern fest. Die Begründung, die er nachliefert, sagt allerdings mehr über ihn aus als über die tatsächlichen Gründe. "Die geschaffene Zucht, Ordnung und Reinlichkeit", heißt es in seinem Bericht vom 1. Oktober 1916, "ist ihnen lästig, weil sie dadurch in ihrem Handel und in ihren Lebensgewohnheiten gestört werden. Sie fühlen sich beengt durch die vielen Vorschriften. [...] Von den Russen wurden sie unterdrückt, aber sie konnten ungestört ihren unsauberen Geschäften nachgehen."

Der Krieg hatte viele Städte in der Region verwüstet – doch nicht alle Schäden waren durch die Kämpfe entstanden. In Lodz und anderen Industriezentren hatten die Besatzer Maschinen der kupfernen Teile beraubt und so unbrauchbar gemacht. Vielfach wurden in jüdischem Besitz befindliche Werkstätten und Fabriken, wie der SPD-Politiker Eduard Bernstein anklagend schrieb, aus "reinem Übermut" und "erbärmlichem Judenhaß" kurz und klein geschlagen.