Der Schriftsteller Arnold Zweig, 1917 dem Pressedienst des Hauptquartiers Ober Ost zugeteilt, war dort für die Zensur zuständig. Da er in der Nähe des Oberkommandos und der Stabsoffiziere saß, konnte er "aus der Perspektive des Stabs sehen", was er "vorher von ganz unten durchgestanden" hatte.

Die Beobachtungen erfüllten Zweig mit Abscheu und ließen in ihm die Idee reifen, über die Erlebnisse in Ober Ost zu schreiben. So entstand der Plan zu dem Romanzyklus Der große Krieg der weißen Männer, dessen erste, 1927 und 1931 erschienene Bände – Der Streit um den Sergeanten Grischa und Junge Frau von 1914 – Zweigs Weltruhm begründeten. In der Jungen Frau deutet er an, dass im Kreis der Militärverwaltung schon ganz offen über die Eliminierung der "jämmerlichen Ostjuden" gesprochen wurde. Man wollte sie in Booten auf der Ostsee aussetzen und ihrem Schicksal überlassen.

In der Tat hatte Freiherr Wilhelm von Gayl, einer der einflussreichsten Mitarbeiter Ludendorffs in Ober Ost, 1916 in einer Denkschrift vorgeschlagen, Russland zu zwingen, alle während des Krieges ins Zarenreich geflohenen Juden für immer aufzunehmen. Dies wäre einer gewaltsamen Vertreibung aus den besetzten Gebieten gleichgekommen. Ganz im Sinne des Rassenantisemitismus stufte man Ostjuden als minderwertig ein, und es wurde ihnen kein autochthones Heimat- und Lebensrecht an ihren angestammten Wohnsitzen zuerkannt.

Euer System ist ekelhaft

In der Vorrede zu seinem bereits 1920 erschienenen Buch Das ostjüdische Antlitz lässt Zweig die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Noch heute erschüttert, was sie dem Dichter bekannten, der doch selbst den deutschen Uniformrock trug: "Euer System ist ekelhaft. Ihr reglementiert und schikaniert nach Kräften, ihr schlagt unschuldige Menschen bei Vernehmungen, ihr beschlagnahmt und stehlt, und ihr empört uns durch eure Verachtung. Eure Zwangsarbeitsbataillone sind eine Art Sibirien mitten im Lande; eure Verordnungen gehen darauf aus, unsere Schwachen Hungers und an Seuchen sterben zu lassen, die früher hier nicht waren."

Lange bevor die Oberste Heeresleitung Ende September 1918 die militärische Niederlage eingestehen musste, war Ludendorffs Projekt Ober Ost gescheitert. Doch von seinen Plänen zur Beherrschung und Besiedlung der eroberten Gebiete führt eine direkte Linie zu Hitlers Forderung nach "Lebensraum im Osten".

So gehört die Geschichte von Ober Ost zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Kontinuitätslinien lassen sich allenthalben nachweisen, bis hinein in manches Detail. Schon hier gab es den germanischen Herren- und den jüdischen Untermenschen. Schon hier gab es Menschenjagden, um Juden in die Zwangsarbeit zu zwingen. Schon hier gab es deutsche Ärzte, die Juden für arbeitstauglich oder -untauglich erklärten und entsprechend selektierten. Es gab Deportationen in Viehwaggons zur Arbeit in Deutschland. Es gab stigmatisierende Kennzeichen auf der Kleidung zur besseren Unterscheidung von fremden und deutschen Arbeitern. Und nicht zuletzt kreisten die Überlegungen zunehmend darum, wie man die Juden am besten "loswürde".

Es waren eingeübte und antizipierende Elemente einer Repression, die vorauswies auf das, was nach 1939 folgte. Denn von dieser Politik der Unterdrückung war es nur noch ein kleiner Schritt zur Politik der Vernichtung.