"Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde."

An keiner anderen Stelle spricht die Bibel so schlecht vom Menschen wie in Genesis 6, Vers 5, dem Beginn des Sintflutmythos und der Geschichte von Gottes gnädigem Bund mit Noah, der in seiner Arche vor der Vernichtung bewahrt wird. Wie in den Erzählungen vom Sündenfall und von der Vertreibung aus dem Paradies geht es um eine hart realistische, elementare Widersprüche betonende Sicht des Menschen: Das höchste, vornehmste Geschöpf ist als Ebenbild Gottes geschaffen. Dennoch handelt es böse und sündhaft, egozentrisch und zerstörerisch. So erzählt die hebräische Bibel, das Alte Testament der Christen, auch viel von Mord, Raub, Vergewaltigung, Missbrauch und grausamer Vernichtung der Fremden. In Eifersucht und Neid ermordet Kain seinen Bruder Abel. Gleichwohl wird er, um seiner drohenden Ermordung durch andere entgehen zu können, von Gott durch ein Kainsmal geschützt.

Man muss diese starken Spannungen in den Bildern des Menschen sehen, die in der Bibel und vielen anderen religiösen Mythen der Menschheit gezeichnet werden. Der Mensch ist als Vernunftwesen zugleich von Instinkten, Trieben und Mangel an Selbstkontrolle geprägt. Anders als die in die Natur eingebundenen Tiere kann er zwischen Gut und Böse unterscheiden. Trotz seines Wissens um das Gute denkt und handelt er immer wieder falsch, schlecht und destruktiv. Seit 2000 Jahren fragen jüdische wie christliche Glaubensgelehrte deshalb, warum der Mensch böse ist und wie das Böse überhaupt in die Welt kam. Wer diese alten Debatten über die Macht der Sünde ein wenig kennt, kann die derzeit im Lande herrschende Empörung über die Verfehlungen einiger Prominenter nur für unerträglich banal, in der Sache wenig hilfreich halten. Nicht eiferndes Moralisieren ist geboten, sondern analytische Prägnanz.

Jüdische wie christliche Theologen und später auch muslimische Gelehrte haben mit der schwierigen, früh umstrittenen Rede von der "Erb-" oder "Ursünde" des Menschen die Universalität des Sünderseins betont. Nicht der eine Mensch ist gut und der andere böse, sondern jeder von uns ist immer beides zugleich. Sünde wurde in den drei großen monotheistischen Religionen oft als "Verstoß gegen Gottes Gesetz", als Missachtung der uns ins Herz gelegten, im Gewissen erkennbaren wahren, guten Ordnung des Zusammenlebens bestimmt.

Der Kirchenvater Augustinus führte das gottwidrig verkehrte Begehren des Menschen auf unmittelbare Selbstbezüglichkeit, Hochmut, Ichstolz, Eitelkeit, auf, so der klassische Begriff, amor sui zurück. Dies bestimmte die theologischen und philosophischen Debatten über Sünde, Schuld und Sühne bis in die Moderne hinein. Für Hegel ist das Böse eine sich selbst verabsolutierende, vereinzelnde Subjektivität, die sich in abstrakter Negation gegen das Allgemeine setzt, für Kierkegaard das Paradox des in sich verschlossenen "selbstischen Einzelnen". Entgegen der oft zu hörenden Ansicht, dass die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts eine positive, optimistische Lehre vom guten Menschen entwickelt hätten, spricht der einflussreichste deutsche Theoretiker entschiedener Aufklärung, Immanuel Kant, in seiner Religionsphilosophie vom "radikal Bösen". Im Unterschied zu Geldschulden, bei denen es dem Gläubiger einerlei sein könne, ob der Schuldner selbst oder ein anderer, etwa dessen großzügiger Freund, die Schulden tilge, sei moralische wie rechtliche Schuld "keine transmissibele Verbindlichkeit", sondern "die allerpersönlichste, nämlich eine Sündenschuld, die nur der Strafbare, nicht der Unschuldige, er mag auch noch so großmütig sein, sie für jenen übernehmen zu wollen, tragen kann". Immer wieder betont Kant: Strafe muss sein, und zwar eine Strafe, die man selbst zu tragen hat und nicht an andere abtreten kann.