Mit Kant kommt eine freiheitsdienliche Grundunterscheidung ins Spiel, die angesichts der aktuellen Moraldebatten höchst hilfreich ist: die Unterscheidung von Legalität und Moralität, Rechtlichem und Moralischem. Rechtsnormen sind von ganz anderer Art als moralische Verbindlichkeiten. Der Rechtsstaat, der das friedliche Zusammenleben der vielen Verschiedenen sichern soll, will mit seinen Gesetzen dafür Sorge tragen, dass die Freiheit des einen mit der der anderen zusammen bestehen kann. Seine Gesetze regeln allein das äußere Zusammenleben der Menschen. Er kann Handlungen erzwingen oder verbieten und mit Polizei und Justiz sicherstellen, dass ich der Straßenverkehrsordnung folge und die Rechtswidrigkeit von Schwarzfahrerei anerkenne.

Der Rechtsstaat kann Gesetzesverstöße gemäß ihrer Schwere sanktionieren und Rechtsgehorsam einklagen. Aber der freiheitliche Staat, der in der Anerkennung von vorstaatlichen Freiheitsrechten des Individuums, etwa dem Grundrecht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit, weltanschaulich neutral sein muss, darf nicht in das Innerliche der Bürger, in ihre Gesinnungen und ihr Gewissen, eingreifen. Zwar ist er auf den Rechtsgehorsam der Bürger angewiesen. Aber es gehen ihn die moralischen Motive nichts, wirklich gar nichts an, kraft derer ein Bürger bereit ist, sich an die Rechtsordnung zu halten. Die einen mögen die Straßenverkehrsordnung aus Angst vor der Polizei, die anderen aus Sparsamkeit – um Bußgeldbescheide zu vermeiden –, wieder andere in Respekt vor einem Naturrecht beachten, das auch im positiven Recht des Staates Gestalt gewinne. Wollte der Rechtsstaat in die Eigenwelt des Moralischen eingreifen und seinen Bürgern bestimmte Gesinnungen vorschreiben, wäre er kein freiheitlicher Staat mehr, sondern ein auf welche Moralprinzipien oder "Werte" auch immer sich stützender Gesinnungsstaat. Im Sitten- und Wertestaat herrscht nicht Freiheit, sondern nur Tugendterror.

In den erregten Debatten um die Steuerhinterziehung eines Theo Sommer oder einer Alice Schwarzer wird die elementare Differenz von Moralität und Legalität oft unterlaufen. Gern machen die Ankläger ihre Moral zu einer Waffe, um den prominenten Täter am Pranger der Talkshow verhöhnen zu können. Viel Heuchelei und Selbstgerechtigkeit lassen sich in der medialen Empörungsindustrie beobachten. Die These mancher Soziologen, modernen pluralistischen Gesellschaften mangele es an Moral, dürfte falsch sein. Genau umgekehrt gibt es viel überschießende Moral. Gnadenlos Moralstolze berauschen sich am Versagen und Absturz der Prominenten, um sich selbst gut finden zu können. Ob diese edlen Tugendprahler noch nie zu schnell gefahren sind? Mussten sie noch kein falsches Wort bereuen? Und haben sie noch nicht bemerkt, dass wir uns als Widerspruchswesen selbst gar nicht völlig transparent sind?

Gegen den neuen Tugendwahn ist nüchtern festzuhalten: Es geht zunächst nicht um moralische Verfehlungen, sondern um Rechtsbrüche, für die eine unabhängige Justiz zuständig ist. In der Weimarer Republik nannten die Nationalsozialisten ihr Kampforgan gegen republiktreue Radiosender "Funk-Pranger". Gewiss soll man in einer offenen Gesellschaft Missstände anprangern. Aber ebenso gewiss darf man, auch in höherer moralischer Absicht nicht, andere, auch Personen des öffentlichen Lebens, nicht verunglimpfen und Rufmord betreiben. Wer Schande öffentlich inszeniert, will nur den Täter aus der von ihm imaginierten moralischen Gemeinschaft ausschließen.

Unter den modernen Bedingungen einer legitimen Vielfalt ganz unterschiedlicher moralischer Intuitionen und Einstellungen ist die Vorstellung eines alle einbeziehenden moralischen Universums aber nur eine Fiktion. Neben jenem universalistischen Ethos, für das Leitbegriffe wie Menschenwürde und Menschenrechte stehen, existiert in pluralistischen Gesellschaften ein breites Spektrum je eigener Privatmoral. Man mag es für amoralisch, verwerflich halten, dass ein Politiker sich Fotos nackter Knaben kauft. Aber wenn diese Bilder nicht gegen die strafrechtlichen Normen zur Bekämpfung von Kinderpornografie verstoßen, geht dies weder den Rechtsstaat noch eine oft nur sensationslüsterne Öffentlichkeit etwas an. Man mag seine Tat moralisch ablehnen. Aber niemand hat das Recht, mit den eigenen moralischen Maßstäben einen anderen Menschen öffentlich zu vernichten. Wer die Differenz von Schuld im rechtlichen Sinne und möglicher moralischer Verfehlung aufhebt, kann ein so grundlegendes Recht wie das auf "Unschuldsvermutung" gar nicht mehr denken.

Zur Entdifferenzierung von Recht und Moral tragen die prominenten Täter oft selbst bei. Hier ließ sich in den letzten Wochen eine Art Peinlichkeitskonkurrenz beobachten, ein traurig stimmender Wettstreit in verlogener Selbstrechtfertigung. Von sichtbarer Reue, Scham, Bereitschaft zur Buße kaum eine Spur, jedenfalls bei Alice Schwarzer nicht, die sich gar zum Opfer einer sie verfolgenden Gesellschaft stilisierte. Wenn Scham, wie Aristoteles einst behauptete, die Tugend des Feingefühls ist, dann ist die moralisierende Hinwegerklärung des eigenen Rechtsbruchs verwerflicher als dieser selbst. Empfohlen sei Kierkegaard-Lektüre: Wer die eigene Sünde zu erklären versucht, stellt sie nur auf Dauer. Denn er bleibt in der Spirale narzisstischer Selbstbezüglichkeit gefangen.